Jahr 1915 – Urd.
McNeish erwachte wie aus einer Trance.
Was, um Gottes Willen, geschieht mit mir? Eine Frage, die er sich seit dem Ausbruch der mysteriösen Krankheit immer und immer wieder stellte, auf die er aber sogar in den wenigen Momenten, in denen er sich noch fühlte wie er selbst, keine Antwort fand.
Womöglich bin ich besessen, wahnsinnig geworden?
Er beendete den begonnenen Satz, wischte sich die blutverschmierten Hände am Pullover ab und stand auf. Sein Blick glitt über den spärlichen Rest Holz, der noch übrig geblieben war. Die letzte Reserve. Ein winziger Stapel Brennmaterial, der ihm für nur allzu kurze Zeit noch ein Minimum an Wärme, und damit das Weiterleben garantieren würde.
Der erschreckende Anblick löste die nächste Frage in ihm aus.
Was, wenn ich das Schiff verlasse und mich wieder auf die Suche mache? Ein nicht ungefährliche Idee, denn wie – so überlegte er – würde sein Feind, Charles Green, reagieren?
Eine Antwort darauf fand er nicht mehr, das Lamentieren – sah er ein - war sinnlos, schließlich hatte er keine andere Wahl: er würde gehen
müssen - das uralte Wesen, der Chronist und Blutschreiber, der jetzt in ihm lebte, forderte es von ihm.
Seine Schritte knarzten, als er wenig später nach Pelz und Fellmütze griff, das Gewehr an sich nahm und die Kajüte verließ.
Draußen empfing ihn die ewige Dämmerung der Arktis. Hier in dieser gottverlassenen Gegend ging die Sonne, die wie das Licht einer schwächelnden Taschenlampe knapp über dem Horizont hing, niemals wirklich auf oder unter. Alles blieb sich auf eine irritierende, höchst sinnverwirrende Art und Weise immerzu gleich: das Licht, die Kälte, die Einsamkeit…
Plötzlich auffrischender Wind ließ die nutzlos gewordene Takelake über seinem Kopf knirschen. Die Segel flatterten.
Wieder begann es zu schneien.
Ob Green überhaupt noch am Leben ist?, fragte er sich plötzlich, wusste aber sofort, dass es eigentlich keine Rolle spielte.
Er lehnte sich über die Reling und sah hinab zum Schlitten. Da die Hunde tot und weitestgehend aufgezehrt waren, würde er gezwungen sein, das sperrige Gefährt selbst über das ewige Eis zu ziehen, wie ein Sklave, dachte er, von einem sadistischen Herrn gequält und am Ende zu Tode geschunden.
Die Sprossen der Strickleiter, die ihn kurz darauf hinab in den Schnee führten, waren zu knochenharten Stangen gefroren. Es bereitetet ihm Schwierigkeiten, Halt zu bewahren, um nicht zu stürzen und sich womöglich noch ein Bein oder gar das Rückgrat zu brechen - unter diesen Umständen, wie er wusste, das Todesurteil.
Am Boden angelangt, band er sich in das Geschirr des Schlittens, schulterte die Waffe und stapfte los. Mit etwas Glück würde er am frühen Abend zurück sein.
(...)
***
Allen Edlen gebiet ich Andacht,
Hohen und Niedern von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters Wirken künden,
Die ältesten Sagen, derer ich mich entsinne.
Riesen acht ich die Urgebornen,
Die mich vor Zeiten erzogen haben.
Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich
An dem starken Stamm im Staub der Erde.
(
Edda, Erstes Götterlied, Völuspa)
***
Das Zeitartefakt