Stille herrscht.
Der Raum ist abgedunkelt, die Fensterläden sind geschlossen. Einzig das Kratzen einer Schreibfeder sowie – vor dem Haus – die gedämpften Parolen der Truppen, die für den Ursupator der Goldenen Dämmerung marschieren, sind vernehmbar. Blutrote Buchstaben und Worte, die das Weiß des Papiers Zeile um Zeile füllen, reflektieren die Flamme einer nahebei aufgestellten Kerze.
Es ist die Gegenwart des Jahres 2009 – Skuld.
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Jahr 4005, Zukunft – Verdandi.
Unvollständiger Funkspruch, aufgefangen vom terranischen Handelskreuzer „Resistence“, nahe G-87, während eines routinemäßigen Versorgungsflugs zum behördlichen Gefängnisplanet Triton, unmittelbar nach dem Rückfall aus dem Hyperraum – „Hier Raumfrachter „Endurance II“ … hört mich jemand dort draußen? - alleine … alle tot… abgeschlachtet… „
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Das Jahr 1915, Vergangenheit – Urd.
„Es gibt nur diesen einen Weg“, flüsterte eine Stimme aus dem Inneren des Artefakts, „Du musst mich weiter mit Blut füttern, warmem, lebendem Saft!“
McNeish, eben wie aus einer Trance erwacht, traute seinen Ohren kaum.
So weit ist es jetzt also gekommen, dachte er. Die Kälte, der Entzug von Nährstoffen, die Dunkelheit – das alles zehrte nicht nur an seinen körperlichen Kräften, nein auch sein Geist, seine Nerven, spielten allmählich nicht mehr mit: all dies Grauen der letzten Monate, er konnte einfach nicht anders, als an dem, was er wahrnahm, zu zweifeln.
Was, in Gottes Namen, geschieht eigentlich mit mir?
Eine jener Fragen, die er sich immer wieder stellte, auf die er aber sogar in den wenigen Augenblicken, in denen er sich noch fühlte wie er selbst, keine Antwort fand.
Womöglich bin ich längst, verloren, besessen, wahnsinnig geworden? Nur wieder eine weitere Frage, deren konsequente Ergründung er scheute wie der Ziegenbock das Messer.
Er beendete den begonnenen Satz, wischte sich die blutverschmierten Hände am Pullover ab, und erhob sich. Wie zufällig glitt sein Blick dabei über den spärlichen Rest Holz, der noch übrig war: die letzte Reserve – ein winziger Stapel Brennmaterial, der ihm für allzu kurze Zeit noch ein gewisses Quantum an Wärme, und damit das Weiterleben garantieren würde.
Und was – fragte er sich anlässlich des beängstigenden Anblicks –
wenn ich das Schiff verlasse und mich wieder auf die Suche mache? Kein ungefährliches Unterfangen, denn – so der nächste Zweifel, der sich in seinem umnebelten Verstand ergab – wie würde sein Feind, Charles Green, neben ihm der letzte Überlebende der Expedition, reagieren?
Was würde er tun?
Er fand keine Antwort darauf. Das Lamentieren, realisierte McNeish, war völlig sinnlos. Am Ende würde ihm gar nichts anderes übrig bleiben, als sich wieder auf den Weg zu machen. Das Wesen, der Chronist und Blutschreiber, der jetzt in ihm lebte, forderte es von ihm.
McNeish langte nach Fellmütze und Pelz, nahm das Gewehr und verließ die Kajüte. Jeder seiner Schritte erzeugte ein Knarzen und Knarren, ein Ächzen, als stünden die Planken des Schiffes unmittelbar davor, dem mörderischen Druck der Eisplatten, die es umgaben, zu erliegen. Manchmal klang es so, als wäre die Endurance ein lebendiges Wesen, das seinen Schmerz über das bevorstehende Ende seiner Existenz lauthals in die Welt hinausschrie, eine Welt allerdings, in der es niemanden gab, der die Äußerungen ihrer Qual hätte vernehmen können.
Als er kurz darauf an Deck trat, umfing ihn die ewige Eintönigkeit der Antarktis. Hier in der Polarregion, die für alle Mitglieder der Expedition zum eisigen Grab werden würde, herrschte niemals wirklich Tag oder Nacht – immerzu blieb sich alles auf eine Sinn verwirrende Art und Weise gleich: die Lichtverhältnisse, die Kälte, die Leere und die Einsamkeit…
Ein plötzlicher Windstoß erzeugte ein Knirschen in der Takelake über McNeishs Kopf. Die erschlafften Segel flatterten auf und schlugen klatschend gegen die Rahen.
Es begann wieder zu schneien.
Ob Green überhaupt noch lebt? fragte er sich, während er hinauf in den Strom der herabfallenden Schneeflocken blickte, wusste aber sofort, dass auch das eigentlich nicht mehr von Bedeutung war. Nicht im Moment jedenfalls.
Die Sprossen der Strickleiter, die ihn wenig später hinab in den Schnee führten, waren zu knochenharten Stangen gefroren. Er hatte Schwierigkeiten damit, festen Halt zu bewahren, um nicht abzugleiten und sich bei einem Sturz auf das Eis womöglich noch die Beine oder gar das Rückgrat zu brechen.
Unter Mühen schaffte er es.
Als er endlich auf festem Grund stand, band er sich in das Geschirr des Schlittens, den er, seitdem die Hunde geschlachtet und größtenteils aufgezehrt waren, eigenhändig durch den Schnee ziehen musste, schulterte die Waffe und setzte sich in Bewegung.
Mit etwas Glück – so rechnete er – würde er binnen weniger Stunden zurück sein und das große Werk, das seiner Verantwortung übertragen war, zu Ende bringen.
(...)
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Das Nornen-Artefakt