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Geschichte

Sonntag, 16. August 2015

"Sicher..."

... die beste aller Deutschen Geschichten, bisher.

Siedler (Verlag), Deutsche Geschichte in vier Bänden, ich denke, erstmalig in den Achtzigern vielleicht (muss ich noch erkunden).

Stilistisch, dramatisch und von der Bildhaftigkeit her, absolut großartig, durchaus in einem Sinne von "Unschlagbarkeit".

siedler

Ich beziehe mich da zunächst noch auf Band I der mir vorliegenden Ausgabe: Das ruhelose Reich, Deutschland 1866 - 1918 - aus der Feder von Michael Stürmer. Eine solch gute, bildhafte, lebendige Schilderung der bismarckchen, wilhelminischen Ära ist mir bisher noch nicht untergekommen. Man sieht, spürt förmlich die Bedrückung der schweren Möbel, der Uniformpailetten, der Monokel und Bärte (im Gegensatz zur absoluten Dürftigkeit einer ärmlicher Bauernexistenz oder den kargenden Gestalten in den feuchten berliner Arbeiterblöcken), die kleinhirarchischen Bürgerfamilien mit Bildungs- und Kulturanspruch, die Arbeiter- und Turnvereine, wie überhaupt das gesamte Vereinswesen, die Bierseeligkeit hier wie dort, die vom Trunk geröteten Gesichter und Nasen, die aufmüpfige Frechheit der Sudentenvereinigungen und Burschenschaften, die zu ausgedehnten Trinkgelagen, singend, ihre Mützen schwenkend, in die deutsche Natur hinausziehn...

:-)

Das alles ist eben sehr komplex gelegen zwischen beharrendem, störrischem, schnell beleidigtem Muff, schwärmerischem Aufbruch in romantische Träume, kalter, wirtschaftlicher, industrieller Kalkulation. Eine Ära krudester Widersprüche, die sich selbst nicht begriff.

Sonntag, 3. August 2014

"Dufour"

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Pierre Dufour

Geschichte der Prostitution

(Original: 1901, 2 Bände)


Na ja, ein bisschen eine zwiespältige Sache.

Courtesan

Einerseits interessant, amüsant und durchaus unterhaltsam, andererseits sehr tendenziös. Dufour, der generell mehr erzählt, als er tatsächlich wissenschaftlich belegt (das tut er nur selten, auch wenn er hier oder da auf anderweitige Literatur verweist), ist definitiv kein Freund der Prostitution. Irgendwann während des Lesens fällt einem auf, dass der Text deutlich zu einseitig wirkt, dass er - der tendenziellen Absicht gemäß - allzusehr geneigt ist, ALLES unter dem Aspekt der Prostitution zu betrachten. Und so kommt es dann diesbezüglich auch zu ein oder zwei Exzessen, immer da nämlich, wo Dufour bereit ist, mit den historischen Fakten besonders frei umzugehen bzw. sie mit aller Gewalt seinen Absichten unterordnen will.

- die berühmte Aktion gegen die Templer im Grunde als eine Aktion gegen die Prostitution darzustellen und damit den bizarren Anklagen des damaligen Prozesses zu folgen ist - gelinde gesagt - extrem fragwürdig.

- die Syphillis (aufgetreten Mitte des 15. Jahrhunderts, vermutlich eingeschleppt aus dem seinerzeit neu entdeckten Amerika; Kolumbustheorie) als schon immer in Europa vorhanden und im Grunde als Abart eines einzigen Erregers anzusehen, der den Kern aller venerischen Krankheiten (inklusive - und besonders - der Lepra) bildet (Verschmelzungstheorie), enspricht eben - bezeichnenderweise - genau jener etwas anrüchigen Richtung, die stets aus religiösen oder ideologischen Gründen vertreten wurde und sogar heute noch manchmal vertreten wird (Geschlechtskrankheiten als Geißel und Strafe Gottes) - obwohl man dem guten Dufour da vielleicht noch die allgemeine "Unwissenheit" seiner Zeit zugute halten kann.

Unzweifelhaft und endgültig klar werden Dufours Absichten dann aber in den letzten beiden Kapiteln des Werks, dort wo er sich seiner eigenen Epoche nähert. Die letzten beiden Kapitel sind nichts anderes als ein ausuferndes Pamphlet gegen Sittenverfall, Prostitution und sexuelle Freiheit, das sich dann auch hin und wieder zur Empfehlung von Maßnahmen versteigt, die an Absonderung und Kasernierung erinnern.
Trotzdem ist das ganze in gewisser Weise durchaus lesenswert, interessant und informativ, denn abgesehen von diesen gelegentlichen Spitzen der moralischen Verirrung schafft Dufour es, seine Abneigungen wenigstens einigermaßen zu bändigen und eine informative historische Untersuchung zu präsentieren. Man muss eben kritisch bleiben, um die Stoßpfeile der Tendenz auszusondern.

Vorzugsweise für jemanden, der Bücher an sich mag, würde ich eine der schön gemachten Originalausgaben des Langenscheidt-Verlags empfehlen und weniger einen der vielen Nachdrucke in Pappe (die aber natürlich wesentlich günstiger und einfacher zu haben sind, und zum puren Lesegenuss natürlich auch ausreichen).

Mittwoch, 18. Juni 2014

"Ein weiteres,..."

... wahres Meisterwerk der Historienforschung.

Josef Kulischer

Allgemeine Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit


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Präzise, klar, schnörkellos, informativ - in jeder Beziehung. Ob Quellen- bzw. Hypothesendiskussion oder Darstellung betreffend: einfach spitze!

Nicht umsonst immer wieder neu aufgelegt, im Original aus dem Jahre 1929.

Sehr zu empfehlen!

Da bin ich übrigens froh, dass ich mich - nach einigem Hin und Her - für die teurere Variante entschieden habe (22 €). So hab ich jetzt die schöne, sauber in rotes Leinen gebundene Ausgabe aus dem Jahr 1988, anstatt eine schon etwas angegriffenere Version aus dem Jahre 1976, die mich aber nur 15 € gekostet hätte. Manchmal lohnt sich die Mehrausgabe eben doch.

:-)

***

Der große Nachteil der zweibändigen Studie: bei aller stringenten Informationsvermittlung bietet der Kulischer so gut wie keine geschichtlich umfassendere Gesamtperspektive, keinen Blick auf irgendwie weitergehende Zusammenhänge an (weder in der Breite der behandelten Epoche, noch auch im geschichtlichen Verlauf). Das alles muss man sich, aufgrund eventuell erarbeiteten Vorwissens, selbst erschließen.

Trotzdem ein Werk, das ich empfehlen möchte (aber natürlich nur dem ganz speziell Interessierten).

Donnerstag, 29. Mai 2014

"Der große..."

... Nachteil im Falle der - ansonsten eigentlich großartigen - Geschichtswerke Rankes besteht, trotz des schönen und flüssigen Erzählstils, eindeutig in deren absoluter, vollkommener Unanschaulichkeit bzw. Unbildhaftigkeit. Wer Ranke liest, der weiß später hundertprozentig Bescheid über Monarchen, politische Konstellationen und Entwicklungen, aber er hat, wenn er sich nicht schon vorher einiges an Grundmaterial angeeignet hat, keinerlei Vorstellung davon, wie die jeweilige Epoche tatsächlich ausgesehen haben mag, keine Formen, keine Farben, nichts Sinnliches...

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Leopold von Ranke, 1795-1886

Rankes Geschichtsschreibung ist eine rein sachliche, extrem nüchterne, politische Geschichtsschreibung (geschlechtsslos).

Samstag, 12. Oktober 2013

"Geschichte der..."

... Kriegskunst.

Hans Delbrück


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Nikol 2000, Original 1900-1920

4 Bücher in 2 Bänden, im Hardcover (dieses auch unbedingt notwendig, da die Taschenbuchausgabe in zwei Bänden dazu neigt, sich in ihre Einzelteile aufzulösen) - Band 1 - Buch 1: Das Altertum - Buch 2: Die Germanen - Band 2 - Buch 3: Das Mittelalter - Buch 4: Die Neuzeit).

Natürlich ein sehr schönes, interessantes und höchst informatives Buch, allerdings mit gewissen Anforderungen an den Leser - der muss nämlich einigermaßen geduldig sein und Ausdauer beweisen, um am Ende den verborgenen Schatz, der in Delbrücks ausführlicher Kriegsgeschichte verborgen liegt, heben zu können.
Das Problem ist, dass der gute Hans ein vehementer Vertreter (und in dieser Form womöglich gar Begründer) der kritisch-historischen Geschichtsschreibung und ihrer Methodik ist. Heißt: jede Quelle, jede Meinung oder Theorie wird ausführlich diskutiert!
Hört sich schlimm an, ist es auch - aber nur in der ersten Hälfte des ersten Buchs.
Delbrück beginnt mit den Griechen (das tut jeder eurozentrierte Autor, oder?!), gefolgt von den Alexander-Feldzügen. Hier sieht es in Sachen Quellen sehr düster aus, wenig ist vorhanden, noch weniger ist vertrauenswürdig. Daher wirkt die kritische Methode in diesem ersten Teil extrem ermüdend. Es geht - en detail - immer und immer wieder um Armeestärken - oder topographische Einzelheiten - oder variierende Verlaufsszenarien von Schlachten - Heeresorganisation, Waffen und Kampftaktik.
Man kann sich vielleicht in etwa vorstellen wie das aussieht: Seite um Seite werden Zahlen verglichen, diskutiert, wieder verglichen...

:-)

Wobei doch eigentlich - für den Nicht-Fanatiker - bei den Griechen oder auch noch bei Alexander nun nicht wirklich viel zu holen ist.

***

DIE PHALANX DER GRIECHEN UND IHRE DIFFERENZIERUNG DURCH DIE RÖMISCHE INNOVATION


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So also gingen sie vor, die alten Griechen (durchweg ein Bürgerheer / von den paar Sklaven und Unfreien mal abgesehen / keine Söldner) - steif und starr und einzig auf den stacheligen Druck von hinten vertrauend. Die Phalanx, deren Tiefe und Gestängelänge auch immer wieder ganz heiß diskutierte Themen sind, war im Prinzip das einzige taktische Mittel, das seinerzeit zur Verfügung stand. Das Interessante an dieser recht banalen Form der Schlachtaufstellung jedoch liegt eigentlich nur in dem, was später aus ihr erwachsen würde, und - vor allem - WIE es erwuchs!
Das Problem der Sphalanx in der Schlacht ist natürlich ihre geradezu perverse Unbeweglichkeit. So finden wir dann mit den Römern bald die Manipel-Phalanx, eine zwar immer noch klassische Phalanx, die aber in Manipel, also kleinere Stücke, auseinandergebrochen wurde.
Es ergibt sich - in bestimmten Abständen - jeweils ein Freiraum, der in der Schlacht wie ein Gelenk funktionieren konnte.
Römische Technik.
Das Bild oben stellt in diesem Sinne also eher ein römisches Manipel dar, denn - unglaublich aber wahr - die alten Griechen, und das war ihr taktisches Hauptproblem, stellten ja tatsächlich das gesamte Heer in einer einzigen, lang gezogenen Phalanx auf (und suchten dafür natürlich stets ein geeignete Gelände, kein geeignetes Gelände - keine Schlacht: man erkennt wie starr das Konzept in seiner Gesamtheit tatsächlich war).

Und ja, genau diese römische Unterteilung der klassischen Phalanx in Einzelglieder stellt sozusagen den Urknall der Kriegskunst dar.

Allgemein annerkannt heimst der Römer SCIPIO AFRICANUS diesen Ruhm für seine Person ein. Scipio unternahm nämlich - gegen Ende des zweiten punischen Krieges - eine Heeresreform, die - 1. alles Althergebrachte verwarf, oder streng auf Differenzierung und Weiterentwicklung trimmte und - 2. die römische Weltherrschaft begründete (ja, da entscheide ich mich eindeutig für diese Sichtweise). Aus Manipeln, zunächst schachbrettartig hintereinander verschoben, um im Notfall eventuell zu groß aufreißende Lücken in der vordersten Reihe auffüllen zu können, wurden bald die selbstständig agierenden und damit variabel taktisch einsetzbaren Glieder der modernen Armee - Kompagnien, Kohorten, Centurien, Legionen. Mit dieser kriegstechnischen Inovation einher ging allerdings auch die unbedingte Notwendigkeit eines viel, viel höheren Aufwandes an Exerzitzien, Training, Übung und Drill einher. Eine starre Phalanx benötigte keine geübten Kämpfer, eine flexible schon.
Et voila: die kampftechnische Überlegenheit und Disziplin der Römer als Basis für ihr Weltreich war begründet.

Dazu irgendwann mal mehr.

:-)

***

Also: die erste Hälfte der ersten Buchs gestaltet sich schwierig, ist aber lohnend, und wenn man sich endlich durchgekämpft hat, und sich jetzt auch noch mutig weitertraut, dann beginnt das Werk ganz langsamsam, und geradezu hinterhältig, seine volle Magie zu entfalten - es zieht, macht süchtig, erfreut, überrascht. Und ich finde es wirklich faszinierend, wie geschickt es Delbrück dabei auch noch gelingt, den Leser entscheidende Schlüsse selbst ziehen zu lassen. Einfach grandios.

Mit den Römern also kommt die Entspannung. Quellenlage wesentlich besser, Theorien deshalb insgesamt weniger bzw. alle besser in Grenzen gefasst. Überlange Diskussionen sind jetzt nicht mehr unbedingt notwendig, dafür steht dann mehr die Konzentration aufs Wesentliche im Zentrum.
Ich persönlich nähere mich gerade Caesar und seinen Eroberungen, und freue mich natürlich auch schon außerordentlich auf die Germanen! Und natürlich die Ritterschlachten des Mittelalters, und - selbstverständlich ganz besonders - auf die taktischen Stellungsschlachten der Ära Napoleons!

:-)

Das ist es was ich meine: das Buch evoziert quasi eine positive Verstärkung im Leser.

Brillant!

***

Au, ich vergaß! Ich muss mich noch zu den Elefanten äußern! Hanibals Elefanten.



Kein wirklich taugliches, taktisches Mittel. Elefanten sind nun mal recht blind für Freund oder Feind und, außerdem, sehr schnell zu verunsichern. Nachdem die Römer den ersten, ziemlich gewaltigen Schreck angesichts des zuvor nie gesehenen Monstrums überwunden hatten (das ging ziemlich zügig), war das kein Problem mehr.
Maßnahme:
- entweder die Elefanten schon weit vor der Phalanx mit Wurfgeschossen verunsichern, was zumeist bewirkt, dass die Dickhäuter sich prompt umwenden und die Infantrie des Gegeners zertrampeln.
- oder die Manipel ganz keck auseinanderziehen und dann die dämlich-panischen Elefanten einfach duchlaufen lassen.

*lach*

Was schnell dazu führte, dass die grauen Riesen eigentlich nur noch gegen Reiterei sinnvoll eingesetzt werden konnten. Pferde ließen sich von den heranrollenden Trompetenträgern noch irritieren - und da ein Reiter auf einem irritierten Pferd nun mal definitiv ein abgelenkter Reiter ist, war das noch verhältnissmäßig sinnvoll.
Darüber hinaus aber ging den Elefanten dann schnell jeder Bedeutung im Kampfgeschehen verloren.

Zu ihrer aller größten Befriedigung, nehme ich an.

;-)

Montag, 2. September 2013

"Kleiner...,

... wie ich meine, Geheimtipp für die historisch Interessierten.

Emmanuel LeRoy Ladurie

"Montaillou - Ein Dorf vor dem Inquisitor"


Ullstein, 1983


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Klingt zunächst mal weniger nach einem echten Highlight der seriösen Geschichtschreibung, sondern eher nach einem historischen Kriminalroman oder etwas ähnlichem, - ist aber eins, weil es auf einer der ergiebigsten Quellen des Mittelalters basiert.
Ein paar Jahre nach den Albigenser- und Katharerkreuzzügen, im Jahre 1320, geschah es, dass ein ganzes Dorf, an den Hängen der Pyrenäen nahe Spanien gelegen, mitsamt all seinen Bewohnern, damals etwa 200 bis 250 Menschen meist bäuerlicher Herkunft, verhaftet und wegen Ketzerei unter Anklage der Inqusition gestellt wurde. Das allein wäre jetzt noch nicht das besonders Glückliche an der Sache, wenn nicht auch noch der Zufall den damaligen Bischof der Diözese Jaques Fournier (als Bendikt XIII später dritter Schismapapst in Avignon, der übrigens, das nur nebenbei, später auch den Papstpalast dort errichten ließ) zum zuständigen Inquisitor gemacht hätte.
Fournier war nämlich ein sehr sorgfältiger, sehr akribischer Mann, dem es tatsächlich - selten genug in den Annalen der Inquisition - um Wahrheit und konsequente Aufdeckung verborgener Zusammenhänge ging, die er mittels ausufernder Verhöre - bis zur Auflösung jeglichen Widerspruchs - ans Licht zu bringen gedachte. Wichtig war ihm dabei auch die tasächlich lückenlose Dokumentierung aller Aussagen, die er dann am Ende der mehrjährigen Untersuchung (satte sieben Jahre) in großen Pergamentfolianten zusammenfassen und niederlegen ließ.

Ein sensationelles Quellendokument mittelalterlichen Alltagslebens zu Beginn des 14. Jahrhunderts, das nicht, wie so oft, oberflächlich und eher in die Breite gehend, sondern einmal wirklich tiefenwirksam und en detail sämtliche Aspekte des Lebens in einem mittelaterlichen Dorf belegt. Das Spektrum, der in den Akten erfassten Aussagen, reicht dabei nahezu all umfassend von beispielsweise den materiellen Lebensgrundlagen der Gemeinschaft, über feinste sozialpsychologische Strukturen bezüglich des Zusammenlebens, bis hin zu den mittelaltertypischen Fragen des Glaubens und Aberglaubens.

Sehr zu empfehlen, sehr interessant.

Interesant finde ich übrigens auch diese ketzerischen Lehren der Bogomilen, Albigenser, Katharer - alle im Prinzip aufs Gleiche hinauslaufend. Im Grunde genommen - und das erklärt auch die Unbedingtheit des katholisch-christlichen Einschreitens - ist der Begriff "Ketzerei" nämlich noch geradezu verharmlosend, und erklärt nicht im mindesten das bodenlose Ausmaß der damaligen Bedrohung für die Papstkirche.
Ausgehend von der dem Katholizismus völlig entgegengesetzten Lehre der - in letzter Konsequenz - zwei gleich berechtigten Götter, eines guten Gottes wie gehabt, und eines gleichrangigen, bösen Gottes,

*lach*

... bringt das ganze System in der weitergehenden Ausführung des Grundgedankens natürlich ne Menge für den Katholizismus extrem fragwürdiger Konsequenzen hervor.
War aber dermaßen attraktiv, dass die reale Gefahr einer echten Konkurrenzreligion bestand, alleine die rasende Verbreitung der Lehre, bis zu ihrer brutalen Ausrottung mit aller Macht, nahm ja verheerende Ausmaße an (nicht zuletzt natürlich, weil mit der grundsätzlichen Ausrichtung gegen das Fleisch, damit gegen die Welt und alles Materielle, natürlich ein absoluter, immer passender Rechtfertigungsgrund für weltliche Rebellion und Widerstand gegen das Unliebsame, Drückende der realen gesellschaftlichen Existenz gegeben war).
Und darauf reagierten die Menschen, vor allem die ausgelutschten Bauern des Mittelalters, nun mal - und zu recht, kann man wohl sagen - sehr, sehr sensibel.

:-)

Und weil sich die Hauptagression der armen Geknechteten eben weniger gegen die weltliche Obrigkeit richtete (die sich damals noch verhältnismäßig bescheiden gab und zumindest den Gegenwert des weltlichen Schutzes und der Realregelung zwischenmenschlicher Konflikte anzubieten hatte), sondern vor allem auf die Kirche, deren Berechtigung zur Erpressung von Abgaben, - logisch - nur schwerlich als legitim akzeptiert werden konnte (wieso auch?): ne wahrlich wunderbare Sache für die unterdrückten Schichten, denen die Pfarrer und ihr anspruchsvolles Getue heftig auf den Sack gingen.

Wie gesagt, da war ne echte Konkurrenzreligion am Start.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich heute Bogomile wäre, der dem bösen Gott des Materiellen und Fleischlichen zu entkommen trachtet?!

;-)

***

Übrigens: ich meld mich dann auch mal musikalisch zurück.

http://www.youtube.com/watch?v=XMhPhgmgXsc

Progressiv natürlich, obwohl ich - ehrlich gesagt - in den letzten Monaten eher ne ganz starke Affinität zur Klassik entwickle, zu Mozart-Serenaden, zu Albinoni-Oboen oder Flötenkonzerten des Barock bzw. Rokoko - so Quantz, Stamitz, C.P.E. Bach...

:-)

Dienstag, 4. Dezember 2012

"Evelyne..."

... Lever

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Madame de Pompadour - eine Biographie

Piper, 2006

Nette, äußerst leichte Biographie einer der berühmtesten Mätressen des absolutistischen Frankreich - sehr unangestrengt geschrieben, liefert einen leidlich guten Überblick über Person und Leben der Pompadour und - nebenbei - Epoche, Person und Herrschaftsgebaren Ludwig des XV (1710-1774). Sehr (und für meinen Geschmack zu) unakademisch und kaum darum bemüht, der Epoche oder den Personen etwas Neues abzugewinnen. Einfach nur nett und harmlos erzählt, mit deutlichen Schwächen da, wo es um komplexere politische Entwicklungen geht.

Vielleicht ein ganz brauchbarer Einstieg in die Zeit, mehr aber auch nicht. Ganz sicher kein Argument für die Einschätzung Evelyne Leves als "eine der bedeutendsten Historikerinnen Frankreichs" (Klappentext). da hilft auch die - ein wenig lustlos wirkende - Anfügung einiger bisher unveröffentlichter Briefe nichts.

Man sieht, liest und hört: ich sprühe vor Begeisterung!

;-)

60 %

Mittwoch, 17. Oktober 2012

"No. 2"

No.2 der im Urlaub gelesenen Bücher.


9783825219574


Heinz-D. Heimann

"Einführung in die Geschichte des Mittelalters"


UTB Wissenschaft 1997

Äußerst nützliches und informatives Buch für jeden, der sich, sagen wir, über das normale Maß hinaus für die Zeit des Mittelalters interessiert.

Im Unterschied zu so mancher anderen UTB-Veröffentlichung relativ gut und unterhaltsam zu lesen und - das ist das tatsächlich Wertvolle an der Sache - äußerst gründlich in der Abarbeitung des gesamten Forschungsspektrums der Mittelalterforschung. Sozusagen ein idealer Ausgangspunkt um die eigenen Interessen an dieser Epoche weiter zu spezifizieren und dann auch - entlang der zu allen Themenkomplexen mitgegebenen Literaturangaben - zu folgen.

Wie ich mal wieder feststellen konnte, interessieren mich in dieser Epoche vor allem Kirchengeschichte (inkl. Investiturstreit und generell die Auseinandersetzung zwischen weltlicher und kirchlicher Macht), Mönchtum und Klosterleben, Reisen im Mittelalter, Architektur und natürlich auch das so genannte Alltagsleben. Erstaunlicherweise sind mir höfische Kulltur und Königtum des Mittelalters relativ schnuppe (wahrscheinlich, weil es da mit der Kultur noch ncht unbedingt so weit her war), diese Themen reizen mich dann erst in der späten Renaissance und natürlich im Barock.

Also: ein Buch für den historisch Interessierten.

Dienstag, 1. Mai 2012

"Und dann..."

... war da natürlich noch:

Felix Berner


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"Gustav Adolf - der Löwe aus Mitternacht"

Sehr schöne Biographie und Geschichtsdarstellung rund um die Person des berühmten Schwedenkönigs, der damals, während des Dreißigjährigen Kriegs, diesen fulminanten Feldzug quer durch das in Kleinfürstentümer zersplitterte "Deutschland" unternommen hat (bis es ihn dann bei "Lützen" gekostet hat).

:-)

Alter Schwede!

Berner gelingt eine sehr lesenswerte Geschichtsschreibung, die - und das gelingt nicht jedem - es sogar schafft, die durch und durch wirre Zeit des Dreißigjährigen Krieges, mit ihren unzähligen Partikularinteressen und ihrer Kleinstaaterei, klar und verständlich darzustellen. Eine Sache, an der sogar schon die talentiertesten Geschichtsschreiber gescheitert sind, u.a. Golo Mann mit seinem "Wallenstein", der zwar auch ein prima Buch ist, der aber kaum Klarheit in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges bringt. Na ja, vielleicht war's aber auch von der schwedischen Seite her betrachtet generell ein wenig simpler, zumal Gustav Adolf seine Weltsicht tatsächlich nach dem einfachen Unterscheidungsprinzip protestantisch vs. katholisch ausgerichtet hat - während die deutschen Fürsten (mitsamt dem damals noch aktiven Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) die Glaubenssache weit weniger ernst genommen und doch lieber ihren privaten, politischen Interessen untergeordnet haben.

:-)

Na ja, auf jeden Fall ne interessante Geschichtsstunde für jeden, den die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und speziell natürlich die Person des großen Schwedenkönigs, interessiert.

Dienstag, 20. März 2012

"Natürlich..."

... sind hier in den letzten Wochen - neben den krankheitsbedingten Ausfällen und der niemals endenden Arbeit - auch ein paar Sachen gesehen, gelesen und verarbeitet worden.

Ich beginne mit dem Nachtrag:

Also:

- da wäre zum einen der zweite Band der Propyläen-Weltgeschichte gewesen.

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Nach wie vor bin ich begeistert von dem umfassenden und sehr um Wissenschaftlichkeit bemühten Ansatz. Trotzdem gestaltete sich Band 2 doch etwas träge - vor allem die ausführliche Frühgeschichte des Mittleren Ostens hat mir einiges an Durchhaltevermögen abverlangt.

:-)

Da hätte man wesentlich knapper vorgehen können. Wirklich interessant an diesem Teil war für mich eigentlich nur die Darstellung der Zarathustra-Religion, vielleicht - oder sogar sehr bestimmt - die erste echte Religion überhaupt; strikt dual, Gut gegen Böse, wobei explizit die Lüge als Kennzeichen des Bösen genommen wird. Das hat was und würde, glaube ich, auch heute noch taugen, denn ein Lügner - sag ich jetzt mal so - war noch nie ein guter Mensch.

;-)

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Hauptsymbol der Zoroastrismus

Danach ging es dann ebenfalls sehr umfassend um die Frühgeschichte Indiens und Chinas, beides vor allem wiederum da von besonderem Interesse, wo religiöse Aspekte behandelt wurden. Eben auch so ein Punkt, der die Propyläen-Weltgeschichte so lehrreich macht: man erfährt, unter streng wissenschaftlichen Kriterien, jenseits von mythologischer oder kultureller Verklärung, von den jeweiligen Entstehungsgeschichten der verschiedenen Religionen. Es gab also präzise und aufschlussreiche Infos zum Hinduismus, zum Buddhismus und der Religion Chinas, die ja eigentlich keine Religion war und ist, sondern, ausgehend vom Konfuzianismus, eher ein auf die Gesellschaft bezogener Verhaltenskodex. Kosmologie haben die Chinesen, mal abgesehen vom Taoismus, der ursprünglich ein Gegengewicht zum recht weltlichen Konfuzianismus darstellen sollte, nie wirklich betrieben (und tun es bis heute nicht).
Was in gewisser Weise natürlich auch Rückschlüsse auf das "moderne" China, seine politische und gesellschaftliche Verfassung, zulässt.

Zuletzt ging es dann noch - auch sehr interessant und aufschlussreich - um Israel. Wer weiß schon genaueres über die realen Wurzeln des Judentums, der JAHWE-RELIGION und der Israeliten?

Die Genese der Religionen also war äußerst spannend.

Negativ lässt sich anmerken, dass man nun doch stellenweise merkt, dass diese Weltgeschichte, bei all ihren Qualitäten und ihrem hohen Anspruch, bereits über ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Besonders deutlich wird das immer wieder angesichts der Datierungsfrage von Funden, tatsächlich nämlich war die, heute zu den Routineverfahren gehörende, Radiocarbonmethode damals noch brandneu und wird von den Autoren teilweise tatsächlich noch mit Skepsis betrachtet.

:-)

Insgesamt aber nach wie vor die beste Weltgeschichte, die man lesen kann, denke ich.

Band 3: Die hellenistische Welt (kommt bald an die Reihe).
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