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"Lotus-Effekt"

Gerade rappelte es am Briefkasten, und die neue SF-Anthologie des Wurdack-Verlags war endlich da.


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"Lotus-Effekt", Wurdack 2008

Herausgegeben von Armin Rößler und Heidrun Jänchen. 19 Stories und Erzählungen, die - wie immer - einen leckeren Trip versprechen.

Freue mich schon.

Die Dinger machen nämlich süchtig (weshalb es jetzt auch gleich losgeht, mit kurzen, spontanen Bemerkungen zu den einzelnen Stories).

;-)

***

Christian Günther - "Lotus-Effekt"

Die Titelstory gleich zu Beginn. Prima Auftakt, gut geschrieben und relativ knackig. Wenn auch die Grundidee nicht ganz neu ist, so macht die Story doch Spaß, weil sie eine sehr gelungene Variante des Themas darstellt und in bewundernswerter Weise mittels weniger, ausdrucksstarker Bilder die Vorstellung einer kompletten SF-Welt erzeugt. Bestätigt den guten Eindruck, den ich schon von Christian Günthers Erzählung "Habitat" (in "S.F.X", Wurdack 2007) hatte.

85 %

Thomas Hocke - "Ein Phager wird trainiert"

Nicht mein Geschmack. Dieser lieblich-belanglose Erzählton ist einfach nix für mich. Meiner Meinung nach zu dünn, zu wenig und - trotz des Phagers und der Üppigblumen - einfach zu harmlos-alltäglich.

49 %

Nadine Boos - "Photosolaris"

Super! Die Story hat irgendwie was Geniales, find ich. Auch wenn das Ende eher ein laues Lüftchen bleibt, also ziemlich unspektakulär und ohne großen Knalleffekt daherkommt, diese Art der Schilderung des fast insektenhaften Treibens innerhalb des Raumschiffs ist großartig - sehr außergewöhnlich, humorvoll und spannend, und dazu auch noch in genau der richtigen Dosierung mysteriös, befremdlich und bizarr. Da würd ich gern mehr davon lesen! Klasse. Fand ich sehr interessant.

Es existiert übrigens ein Prequel, eine Story namens "Fernweh" - hier bei Nova als pdf .

90 %

Sebastian Rieger - "Nichts wie der Himmel"

Die erste wirklich problematische Geschichte. Die Idee find ich noch ganz gut, und auch die Art und Weise, wie die einzelnen Teile vom inneren Zusammenhang her ineinander greifen, geht eigentlich noch in Ordnung. Allerdings wirkt das Ganze in der Gesamtheit dann doch sehr unrund, einfach nicht geschlossen, nicht schlüssig genug. Auch was den Stil betrifft, stört mich etwas. Die Sätze lesen sich phasenweise sehr gesetzt und hintereinander gehackt und wollen so gar nicht zu den, zumindest ansatzweise, poetischen bzw. gefühlvollen Passagen passen. Und dennoch findet sich in dieser unrunden Angelegenheit dann noch eine ganz große Stärke: Sebastian Rieger hat unbestreitbar ein besonderes Talent für die Wiedergabe sinnlicher Wahrnehmungen! Da sind einige sehr klare, sehr deutliche Bilder enthalten, die sofort und unmittelbar ansprechen - direkt und ohne irgendwelche Umwege über mühselige Vorstellungsprozesse von Seiten des Lesers. Wenn das alles jetzt irgendwann auch noch flüssiger und geschlossener gelingen sollte, dann kann man in der Zukunft durchaus einige gute Stories erwarten.

39 %

***

Übrigens! Mir fällt gerade auf, dass ich, wenn ich jede einzelne Story prozentual einschätze, am Ende ja einen geradezu eiskalten Schnitt berechnen kann! Ob der dann aber auch passt, ist natürlich wieder eine ganz andere Frage.

:-)

Momentan wären wir bei 65 %.

***

Lutz Herrmann - "Der Traum vom Fliegen"

Recht gut geschrieben. Sehr ernst im Tonfall. Allerdings - meiner Meinung nach - auch sehr offensichtlich konstruiert, und ich bin mir zudem alles andere als sicher, ob die ganze Konstruktion in sich unbedingt zu einhundert Prozent stimmig und logisch ist (vielleicht hab ich aber auch irgendwie was verpasst, kann natürlich sein).

Nachtrag: mir ging gestern Abend dieser eingebaute Witz nicht mehr aus dem Kopf!

:-)

49 %

Bernhard Schneider - "Lapsus"

Gewohnt gut. Nix zu meckern da (obwohl ich mich bei den Stories von Schneider inzwischen manchmal frage, ob das nicht alles auch schon zu glatt ist - aber das ist wohl absurd).

Ich denke, man darf sich auf den baldigst erscheinenden, ersten Roman freuen. "Das Ardennen-Artefakt" erscheint Oktober 2008. Kann ich - ungelesen - jedem empfehlen. Werd ich mir auch kaufen.

90 %

Olaf Trint - "Schnully"

Irgendetwas fehlt. Eine richtige Pointe??? Der Eindruck einer Welt um diese Momentaufnahme herum??? Ein bisschen mehr Geschlossenheit??? Irgendwie erscheint mir das - merkwürdigerweise vielleicht - fragmentarisch. Ansonsten aber durchaus amüsant, schön ironisch bis erfrischend chaotisch (ich glaube, es ist nicht gerade einfach, eine Story in diesem Tonfall überhaupt hinzukriegen). "Schnully" selbst hat mich natürlich an Feintuch erinnert.

72 %

***

Übrigens! Früher haben mich Kurzgeschichten, und generell die deutsche Phantastik, wirklich nur sehr mäßig interessiert, inzwischen finde ich das alles wesentlich interessanter als das meiste ausländische und insbesondere amerikanische Zeug. Deutschland vor, noch ein Tor! Sozusagen.

;-)

***

Thomas Wawerka - "Wir könnten Kolumbus fragen"

Lange Zeit wusste ich erst mal überhaupt nicht, worum es eigentlich geht.

:-)

Was im Falle dieser recht außergewöhnlichen Story allerdings nicht negativ zu werten ist, sondern einfach nur zu der ganz besonderen Atmosphäre beiträgt, die erzeugt wird. Find ich gut. Schön abstrakt bekommt man hier die kalte Unpersönlichkeit einer Maschine bzw. eines Programms zu spüren, eines Systems, frei von menschlichen Maßstäben. Nicht einfach zu bewerten, aber prima. Auch ein wenig Geschmackssache, würde ich sagen. Eine Story, die wahrscheinlich polarisieren wird. Erscheint mir außerdem geradezu typisch für eine gewisse Richtung der SF, die sich mit Einsamkeit und/oder menschlicher Ohnmacht angesichts des Unbekannten oder auch der Technik befasst.

89 %

Andrea Tillmanns - "Aussichtsloser Morgen"

Die erste "Story", die stilistisch ein wenig außergewöhnlicher erscheint (oder mir zumindest diesbezüglich besonders aufgefallen ist). Wirken gut, diese langen Fadensätze, und bis zum ersten Absatz fand ich das sogar besonders gelungen. Dann allerdings hält der Stil nicht bis zum Ende durch. Trotzdem sehr interessant, weil das Ganze auf mich nämlich wie der Versuch wirkt, einen Text in jeder Beziehung konsequent in einer Art Schwebe zu halten. Natürlich ein bisschen zu knapp, wieder "nur" eine Momentaufnahme. Und fast würde ich auch sagen, dass die wenigen SF-Elemente hier beinahe schon störend wirken. Auf jeden Fall aber ein lobenswerter, experimentierfreudiger Versuch. Vielleicht mehr ein Text, als eine richtige Story, aber nicht zuletzt das macht die Wurdack-Anthologien ja so außergewöhnlich spannend und interessant.

66 %

Thomas Templ - "Gebäude Nummer 15"

Templs erste Veröffentlichung, wie man im Biokästchen lesen kann. Und das hat Potential, daran besteht kein Zweifel. Manchmal vielleicht mit leichten Schwächen in der Dramaturgie (viel länger hätte das nicht mehr so weitergehen dürfen, glaub ich), insgesamt etwas zu vollgestopft, manchmal auch zu erklärend und zu wenig erzählend, aber interessant und - wie gesagt - mit Potential. Immer weiter so, Herr Templ, und am besten ein ganzes Universum daraus erschaffen!

;-)

65 %

Christian Weis - "Entschlossen"

Was die Entwicklung im Gefühlsleben und die Gedanken der Hauptfigur "Kozak" betrifft, wirklich gut, allerdings auch ziemlich auf ausschließlich diesen einen Punkt fixiert. Ohne einen weiteren Storyrahmen, ohne nennenswerten, größeren Plot. Zudem für meinen Geschmack hin und wieder etwas zu sperrig und gesetzt, vor allem auch in den Dialogen, die nicht immer ganz natürlich wirken. Aber okay. Auf keinen Fall schlecht.

59 %

***

Übrigens! Es ist sauschwer, den Maßstab der Bewertung über alle Geschichten hinweg konstant und stimmig zu halten. Die Stories sind wieder mal so genial verschieden, ich liebe es!

;-)

***

Thomas Backus - "Konsumaten"

Normalerweise bin ich ja eher skeptisch bei so kurzen Schlaglichtern, weil ich nämlich einen gespielten Witz Marke "Didi Hallervorden" erwarte, der dann - leider - auch oft genug tatsächlich kommt in diesen Fällen. Das hier aber find ich prima. Ohne Umschweife mitten auf die Zwölf. Klasse.

86 %

***

Übrigens! Zwischenstand bei der Durchschnittsberechnung: 69,8333333333333 und so weiter und so fort...

***

Karla Schmidt - "Weg mit Stella Maris"

Hm, auch nicht einfach. Widersprüchlich für mein Empfinden. Einerseits ist der Erzählton, vor allem zu Beginn, recht gut gelungen, beinahe klassisch, andererseits wirkt das Ganze später aber auch formelhaft und schematisch - wie vom Reißbrett oder aus der Schriftstellerfibel. Vor allem die dargestellten Gefühlswelten sind für mich unglaubwürdig. Zu aufgesetzt. Wie in einer Soap. Das sprunghafte und inkonsequente Verhalten der Hauptprotagonisten hätte man dabei ja eventuell noch nachvollziehen können (weil sie in der Beziehung zu ihrer "Mutter" womöglich tatsächlich gespalten ist), aber auch dieses Verhältnis zu ihrem Onkel wirkt verdammt künstlich.

Glaub ich alles nicht!

>:-D

Ähnliches gilt für den "wissenschaftlichen" Anteil. Irgendwie naiv.

Und zuletzt: so Sprüche wie: "Der Anblick eines richtigen Sternenhimmels bringt jeden dazu, über die ganz großen Fragen nachzudenken, egal, wie er ist oder woher er stammt." - als alleinige, völlig unverbundene Aussage einer Figur, sind, zumindest in solch einer humorlosen Formulierung, einfach nicht nach meinem Geschmack. Glaub ich auch nicht.

Trotzdem (und jetzt kommt das Widersprüchliche), da die Story teilweise ansprechend (auch manchmal mit einem sehr schönen Blick für Details) geschrieben ist, weil Aufbau und Pointe in Ordnung gehen und das alles - so oder so - auf jeden Fall als eine Art Lehrbeispiel dienen kann: 67 %.

Gefallen will sie mir aber dennoch nicht, nicht wirklich.

;-)

Uwe Post - "Decoi vult"

Ja, das ist natürlich gut. Zwar haben mich der andeutungsweise arrogante Tonfall und das leichte Schmuddelfeeling des Anfangs etwas irritiert, aber das hat sich dann - Gott sei Dank - schnell zerschlagen. Vielleicht passen auch nicht alle Teile so ganz optimal zueinander (vor allem "Bibi" wirkt irgendwie eingeschoben und zu lang für die Rolle, die sie spielt), aber sonst: gut in den SF-Elementen, gute, überraschende Pointe, interessant und außergewöhnlich geschrieben. Kann man nichts sagen (selbst wenn man wollte). Übrigens hatte ich lange Zeit eine ähnliche Sache im Hinterkopf, die ich jetzt aber natürlich vergessen kann.

Obwohl!

;-)

89 %

Armin Rößler - "Das Gespinst"

Ein bisschen merkt man der Story vielleicht an, dass sie Teil eines größeren Ganzen ist (was nicht heißen soll, dass sie insgesamt nicht funktionieren würde, aber trotzdem: man merkt es, glaub ich). Ansonsten von der Atmosphäre her wieder sehr schön. Hat mich - in den Szenen auf dem Eisplanet - sofort an die Fictionfantasy eines Jack Vance erinnert (aber auch - das Gespinst selbst betreffend - an Robert Silverberg oder die "Hyperion-Gesänge" von Simmons) - alles große Vorbilder, denen Armin Rößler sehr gekonnt nacheifert, wie ich finde. Man darf also, nach diesem kleinen Appetithäppchen, äußerst gespannt sein auf den vorläufigen Abschluss seiner "Argona-Trilogie" ("Argona", Wurdack-SF, September 2008).

Zu meckern hab ich da nicht viel, außer vielleicht, dass sich die Komplexität während des Aufbaus phasenweise etwas verknotet, und die Eigennamen an einigen, wenigen Stellen ein bisschen zu inflationär gebraucht werden.

79 %

Arno Endler - "Strafmaßnahme"

Knapp, aber auch von der ersten Zeile an, bis zum Schluss, durchweg ein Höchstvergnügen. Natürlich ist das Thema alles andere als neu, aber so amüsant komprimiert hab ich das bisher selten gelesen.

86 %

Karsten Kruschel - "Barnabas"

Ein Hammer, irgendwie. Find ich eigentlich alles klasse: das Ambiente; die Perspektive; die übermäßig starke Betonung, die auf der Beschreibungen der Maschine liegt; das mysteriöse Ende - schlicht Fantastico! Allerdings kann einem der exaltierte, aufgetürmte, "aufgeblasene" Stil manchmal doch ein wenig auf den Zeiger gehn (Geschmackssache, würde ich sagen), weshalb mir zwischendurch auch, sinngemäß, mal ein "Jetzt mach aber mal halblang, Kerl!" auf der Zunge lag.

;-)

Wie das wohl in einem Roman wirkt? Ob der genauso geschrieben ist dann?

Finden Sie es heraus!

"Vilm. Der Regenplanet" von Karsten Kruschel - Winter 2008/09.

>:-D

78 %

Niklas Peinecke - "Die Ernte fällt heut' aus"

Ja, gelungen. Mit die beste SF-Atmosphäre, denk ich. Auch mit sehr schönen Begriffen versehen. Insgesamt nicht unbedingt übermäßig spektakulär, aber gut.

78 %

Heidrun Jänchen - "Ein Job wie jeder andere"

Prima. Keine Beschwerden. Liest sich wunderbar. Ich freue mich auf den Roman (Heidrun Jänchen - "Simon Goldsteins Geburtstagsparty"/ Mai 2008 - sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen!)

90 %

***

So, ich bin durch (den Wind). Fazit demnächst extra.

;-)
Armin (anonym) - 27. Mrz, 15:49

Na also (das mit dem Witz). Sofortige Aufwertung dafür, bitte.

:-)

V - 27. Mrz, 15:58

Ja, man könnte eventuell was zugeben...

Mal sehen.

:-)
Armin (anonym) - 3. Apr, 10:31

Du machst es ja echt wieder spannend ...

V - 3. Apr, 10:45

Sorry! Nicht wirklich extra (tut mir selbst ein bisschen Leid). Irgendwie is hier momentan enormes/irrsinniges Treiben im Gange. Ich glaub, ich bin verliebt in ALLES und JEDE/N (und das schlägt mir doch gewaltig auf den Antrieb!).

Und die Musik klingt auch verdammt gut.

Vielleicht ist das der "Lotus-Effekt"??? Wenn ja, bin ich für eine Nominierung für den Hugo und den Campbell und was weiß ich noch...

>;-D

Aber gelesen hab ich inzwischen drei weitere Stories - immerhin.

:-)

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