"Acacia"

David Anthony Durham
"Acacia"
Blanvalet 2008
("Acacia. Book One: The War With The Mein", 2007)
Kleines Selbstzitat (um anzuschließen):
Vielleicht das einzige, große Manko: die Geschichte selbst ist - trotz der stilistisch brillanten Erzählweise, trotz der wunderbaren Weltenschöpfung und der großartigen Charaktere - wohl schon mindestens tausendmal erzählt worden. Ein Königreich, ein König und seine Kinder, der Verlust der Macht, der Tod des Königs, und dann eben die Rache der Kinder. Das ist alles andere als neu, und es bleibt fraglich, ob Durham der Sache, auch wenn er die ganze Zeit über eine sehr schöne und ungewöhnliche, psychologische Tiefe aufrecht erhält, am Ende noch etwas entscheidend Neues abgewinnen kann.
Ja, er kann, glaub ich. Und zwar, weil der Fokus seines Erzählens sich so extrem auf die menschlichen Verhaltensweisen und ihre zugrundeliegenden, psychologischen Antriebe richtet, dass die Situationen, in denen die Königskinder - nach zehn Jahren Exil - jetzt wieder von ihrer eigentlichen "Bestimmung" und Herkunft überzeugt werden müssen, sich sehr interessant gestalten. Auch schön sind die verschiedenen Kulturen, die bei dieser Gelegenheit zur Ansicht kommen - eine karibische Fantasywelt, eine afrikanische...
Nicht schlecht.
Andererseits bin ich mit dem Magiesystem, das sich inzwischen immer deutlicher herauskristallisiert (nachdem es zuvor, abgesehen von Andeutungen, so gut wie keine Rolle gespielt hat), bislang nicht wirklich zufrieden. Und auch die Szene, in der Aliver, der älteste der vier Königskinder und Thronfolger, die mysteriöse Rasse der "Santoth" - legendäre Magier - trifft, scheint mir, auf hohem Niveau allerdings, ein wenig enttäuschend. Vielleicht hat Durham mit Magie nichts am Hut?
Man wird sehen!
;-)
Übrigens: beinahe schon legendäre Züge nimmt inzwischen die Rasse der "Numrek" an. Seltsame Wesen des Nordens, die sich in den milderen, mediterranen Gefilden des eroberten Acacia (sie halten unter Duldung der Mein eine Randzone des besiegten Reiches besetzt) verändert, gehäutet haben, und die nun wie größenwahnsinnige, grausame Kinder unter der warmen Sonne umhertollen. Besonders ihre Gerichte sind sensationell (sie bevorzugen vor allem Gegorenes und Verfaultes). Zum Beispiel mögen sie Lamm dann am liebsten, wenn es zuvor tot, geschlachtet und roh, bis zum Madenbefall in eine Darmblase eingeschlossen wurde - am Tag des Banketts wird dann alles mit Alkohol abgelöscht (wegen der Bakterien!), gekocht und bei Tisch frisch aufgeschnitten.
Der Moment, in dem diese faulige Blase platzt, ist genial!
Ich werd gleich noch mal nachsehen, wie sich das Gericht nennt.
>;-D
Tilvhecki:
"Vor ihm stand eine Delikatesse, welche die Numrek Tilvheckie nannten. Das Gericht war etwa so groß wie ein ausgewachsenes Schwein und sah aus wie ein aufgequollener, durchscheinender Hautsack, in dem unterschiedlich gefärbte geblähte Innereien zu erkennen waren. Calrach ließ sich über die bevorstehenden Gaumenfreuden aus und erklärte, das Aussehen trüge nicht. Tilvhecki war die Bezeichnung für Lamm. Während ihrer Verbannung in den Eisfeldern hatten die Numrek keine Schafe halten können und dieses Gericht daher entbehren müssen. Wie üblich war es einem Prozess der Gärung und Fäulnis unterzogen worden. Nach dem Schlachten ließ man das Fleisch und die inneren Organe eines jungen Lammes mehrere Tage lang an der Luft liegen. Das Fleisch wurde vorher nicht gekocht, jedoch mit gewürzten Blutsoßen und Wein übergossen. Wenn es von Maden wimmelte, wurde es in den Hautsack gesteckt, der anschließend zugenäht und der Gärung überlassen wurde. Am Ende wurde alles gegart und heiß aufgetragen.
Calrach schnitt den Hautsack höchstpersönlich an. Schon bei der ersten Berührung des Messers platzte er auf. Beim Anblick des weichen, verfärbten Fleischs, das aus dem Schlitz quoll, drehte sich Rialus der Magen um. Der Gestank, der ihm entgegenschlug, traf ihn mit solcher Wucht, als wäre er kopfüber in eine Latrine gestürzt. Rialus hätte sich auf der Stelle übergeben, hätte er nicht inzwischen die Fähigkeit vervollkommnet, durch den Mund zu atmen. Er umging seine Nase und ließ in kurzen, flachen Atemzügen Luft über seine Zunge spielen.
Calrachs Gesichtsmuskeln zuckten. Er bleckte seine schiefen Zähne, vielleicht ein Grinsen. "Sagt, Rialus, findet ihr uns abstoßend?"
(Acacia, Kap. 38, S. 417/418)
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V - 24. Jan, 23:25



















