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"Der Anachronist"

Jahr 4005, Zukunft – Verdandi.

Unvollständiger Funkspruch, aufgefangen vom terranischen Handelskreuzer „Resistence“, nahe G-87, während eines routinemäßigen Versorgungsflugs zum behördlichen Gefängnisplanet Triton, unmittelbar nach dem Rückfall aus dem Hyperraum - „Hier Raumfrachter „Endurance II“ … hört mich jemand dort draußen? - alleine … alle tot… weggeschlachtet… „

*

Das Jahr 1915, Vergangenheit - Urd.

„Es gibt nur einen Weg“, flüsterte die heisere Stimme aus dem Artefakt, „Du musst mich weiter mit Blut füttern, warmem, lebendem Saft!“
McNeish, soeben wie aus einer Trance erwacht, traute seinen Ohren kaum. So weit ist es jetzt also gekommen, dachte er.
Die Kälte, der Entzug lebenswichtiger Nährstoffe, die Dunkelheit - das alles zehrte offensichtlich nicht nur an seinen körperlichen Kräften, nein auch sein Geist, seine Nerven, spielten inzwischen nicht mehr mit. All das Grauen der letzten Wochen und Monate - er konnte einfach nicht anders, als an dem, was er wahrnahm, zu zweifeln.
Was, um Gottes Willen, geschieht mit mir? Eine Frage, die er sich seit dem Ausbruch der mysteriösen Krankheit immer wieder stellte, auf die er aber sogar in den wenigen Momenten, in denen er sich noch fühlte wie er selbst, keine Antwort fand. Womöglich bin ich längst, verloren, besessen, wahnsinnig geworden? Weitere Fragen, deren konsequente Ergründung er jedoch scheute wie der Ziegenbock das Messer.
Er beendete den eben begonnenen Satz, wischte sich die blutverschmierten Hände am Pullover ab, und erhob sich. Wie zufällig glitt sein Blick dabei über den spärlichen Rest Holz, der noch übrig geblieben war: die letzte Reserve - ein minimaler Stapel Brennmaterial, der ihm für nur allzu kurze Zeit noch ein gewisses Quantum Wärme, und damit das Weiterleben garantieren würde.
Und was - befragte er sich, angesichts des erbärmlichen Häufchens - wenn ich heute das Schiff verlasse und mich wieder auf die Suche mache? Keine ungefährliche Vorstellung, denn wie - so die nächste Unwägbarkeit, die sich ergab - würde sein Feind, Charles Green, außer ihm der einzige Überlebende der Expedition, reagieren? Was würde er tun?
Eine Antwort darauf fand sich nicht mehr, das Lamentieren, realisierte McNeish, war sinnlos: am Ende würde gar nichts anderes übrig bleiben, als zu gehen: das Wesen, der Chronist und Blutschreiber, der jetzt in ihm lebte, forderte es.
Entschlossen langte McNeish nach Fellmütze und Pelz, nahm das Gewehr an sich und verließ die Kajüte. Seine Schritte erzeugte ein Knarzen und Knarren, ein Ächzen, als stünden die Planken des Schiffs unmittelbar davor, unter dem Druck der Eisplatten, die es umgaben, zu zerbersten. Manchmal – fand McNeish - klang es, als wäre die Endurance ein lebendiges Wesen und schriee ihren Schmerz über das nahende Ende lauthals in die Welt hinaus, eine Welt, in der es niemanden mehr gab, der die Äußerungen ihrer Qual vernehmen konnte.
Als er kurz darauf an Deck hinaustrat, umfing ihn die Dämmerung der Antarktis. Hier in der Polarregion, die für alle Teilnehmer der Expedition zum kalten Grab werden würde, ging die Sonne nicht wirklich auf oder unter – immerzu blieb sich alles, auf eine völlig irrationale, Sinn verwirrende Art und Weise, gleich: Lichtverhältnisse, Kälte, Leere und menschliche Einsamkeit…
Ein plötzlicher Windstoß verursachte ein Knirschen in der nutzlos gewordenen Takelake über McNeishs Kopf. Die erschlafften Segel flatterten auf und schlugen klatschend gegen die Rahen.
Es begann wieder zu schneien.
Ob Green überhaupt noch lebt? wunderte er sich, während er für einen Moment hinauf in den Strom der herabfallenden Schneeflocken blinzelte, wusste aber sofort, dass auch das eigentlich nicht mehr von Bedeutung war. Nicht im Moment jedenfalls.
Die Sprossen der Strickleiter, die ihn wenig später hinab in den Schnee führten, waren zu knochenharten Stangen gefroren. Er hatte Schwierigkeiten damit, Halt zu bewahren, um nicht abzurutschen und sich beim Aufprall noch ein Bein oder gar das Rückgrat zu brechen. Das sichere Todesurteil unter diesen Umständen.
Unter Mühen schaffte er es.
Als er auf festem Grund stand, band er sich in das Geschirr des Schlittens, den er, seit die Hunde aufgegessen waren, selbst über das ewige Eis ziehen musste, schulterte die Waffe und stapfte los. Mit etwas Glück – rechnete er – würde er binnen weniger Stunden zurück sein und das Werk, das seiner Verantwortung übertragen worden war, in Ruhe zu Ende bringen können.

(...)


***

Der Anachronist

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