"Die Differenz"
Selten einen dermaßen schillernden Begriff erlebt, wie den der "Differenz" bei Derrida. Bewusst offen gehalten und - nebenbei - auch immer wieder methodisch angewandt.
Und dann - plötzlich - in "Gewalt und Metaphysik":
"Wir wiederholen, das gilt ausschließlich für den philosophischen Diskurs, in dem das Denken des Todes selbst (ohne Metapher) und das Denken des positiven Unendlichen sich niemals vereinen ließen. Ist das Gesicht Körper, dann ist es sterblich. Die unendliche Andersheit als Tod läßt sich nicht mit der unendlichen Andersheit als Positivität und Präsenz (Gott) versöhnen. Die metaphysische Transzendenz kann nicht zugleich Transzendenz zum Andern als Tod und zum Andern als Gott sein. Es sei denn Gott hieße Tod, was nach alledem nur vom Ganzen der klassischen Philosophie, in der wir Gott als Leben und Wahrheit des Unendlichen und der positiven Präsenz verstehen, ausgeschlossen wurde. Was aber bedeutet dieser Ausschluss anderes als der Ausschluss jeder besonderen Bestimmung? Wenn Gott deshalb nichts (Bestimmtes) ist, kein Lebendiges, weil er alles ist, heißt das nicht, dass er gleichzeitig das Ganze und das Nichts, Leben und Tod ist? Das bedeutet, dass Gott in der Differenz zwischen Allem und Nichts, Leben und Tod usw. ist, erscheint oder benannt wird. In der Differenz, und im Grunde als die Differenz selbst."
(Die Schrift und die Differenz - Gewalt und Metaphysik - III. Differenz und Eschatologie - Über die ursprüngliche Polemik - S. 176)
Das ist meiner Meinung nach höchst genial, weil Derrida damit - zumindest für mein Denken - einen völlig neuen Raum eröffnet. Die Entbegrifflichung betreibt er ja die ganze Zeit schon, aber hier tritt sie bis jetzt doch am deutlichsten zu Tage. "Gott" ist in dieser Form, natürlicherweise verstanden als das "Unendliche", das völlig "Fremde" oder "Andere", nichts mehr, das man noch in irgendeiner Weise begrifflich entgegensetzen könnte (gegen "Endlichkeit" oder "Selbst" oder "Geschichte"), sondern tritt in jeder nur denkbaren Beziehung dort auf, wo begriffliche oder sonstwie geartete Gegensätze, Differenzen, aufgemacht werden.
Das hat so weitreichende Folgen, dass man sie überhaupt nicht gänzlich erfassen kann, trägt Bedeutung und Konsequenz für das Philosophieren (natürlich), das Schreiben, Sprechen - bis hinein in die persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Ganz deutlich eine völlig andere Perspektive, weil so gesehen die "Unendlichkeit", das "Andere", nicht mehr in einen "feststehenden", passiven Raum verwiesen werden kann, sondern ein stets aktive Rolle auf, nicht zuletzt, der Sprach- und Schriftebene einnimmt. Es ist dies die definitive, vielleicht sogar funktionelle, Rückholung und Eingliederung des Unerklärlichen auf die eine - aktive und weltliche - Ebene des Lebens.
***
Derrida
Und dann - plötzlich - in "Gewalt und Metaphysik":
"Wir wiederholen, das gilt ausschließlich für den philosophischen Diskurs, in dem das Denken des Todes selbst (ohne Metapher) und das Denken des positiven Unendlichen sich niemals vereinen ließen. Ist das Gesicht Körper, dann ist es sterblich. Die unendliche Andersheit als Tod läßt sich nicht mit der unendlichen Andersheit als Positivität und Präsenz (Gott) versöhnen. Die metaphysische Transzendenz kann nicht zugleich Transzendenz zum Andern als Tod und zum Andern als Gott sein. Es sei denn Gott hieße Tod, was nach alledem nur vom Ganzen der klassischen Philosophie, in der wir Gott als Leben und Wahrheit des Unendlichen und der positiven Präsenz verstehen, ausgeschlossen wurde. Was aber bedeutet dieser Ausschluss anderes als der Ausschluss jeder besonderen Bestimmung? Wenn Gott deshalb nichts (Bestimmtes) ist, kein Lebendiges, weil er alles ist, heißt das nicht, dass er gleichzeitig das Ganze und das Nichts, Leben und Tod ist? Das bedeutet, dass Gott in der Differenz zwischen Allem und Nichts, Leben und Tod usw. ist, erscheint oder benannt wird. In der Differenz, und im Grunde als die Differenz selbst."
(Die Schrift und die Differenz - Gewalt und Metaphysik - III. Differenz und Eschatologie - Über die ursprüngliche Polemik - S. 176)
Das ist meiner Meinung nach höchst genial, weil Derrida damit - zumindest für mein Denken - einen völlig neuen Raum eröffnet. Die Entbegrifflichung betreibt er ja die ganze Zeit schon, aber hier tritt sie bis jetzt doch am deutlichsten zu Tage. "Gott" ist in dieser Form, natürlicherweise verstanden als das "Unendliche", das völlig "Fremde" oder "Andere", nichts mehr, das man noch in irgendeiner Weise begrifflich entgegensetzen könnte (gegen "Endlichkeit" oder "Selbst" oder "Geschichte"), sondern tritt in jeder nur denkbaren Beziehung dort auf, wo begriffliche oder sonstwie geartete Gegensätze, Differenzen, aufgemacht werden.
Das hat so weitreichende Folgen, dass man sie überhaupt nicht gänzlich erfassen kann, trägt Bedeutung und Konsequenz für das Philosophieren (natürlich), das Schreiben, Sprechen - bis hinein in die persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Ganz deutlich eine völlig andere Perspektive, weil so gesehen die "Unendlichkeit", das "Andere", nicht mehr in einen "feststehenden", passiven Raum verwiesen werden kann, sondern ein stets aktive Rolle auf, nicht zuletzt, der Sprach- und Schriftebene einnimmt. Es ist dies die definitive, vielleicht sogar funktionelle, Rückholung und Eingliederung des Unerklärlichen auf die eine - aktive und weltliche - Ebene des Lebens.
***
Derrida
V - 7. Sep, 10:15






















Klingt interessant, die Auflösung der Dualität.
Dualitäten gibt es schon noch, aber sie erscheinen in einem ganz anderen Licht, finde ich.
Sie dienen nur noch der Öffnung, der Befreiung in die Differenz hinaus - und so wird ihnen jegliche Gewalt genommen. Alles nur noch eine Ebene, die aber stets offen bleibt.
Bin echt gespannt, was da noch kommt. Man darf ja die "Differenz" nicht als feststehenden Begriff verstehen - sie bleibt eben, auch begrifflich, offen und taucht deshalb auch immer wieder in den verschiedensten Zusammenhängen als grundsätzliche Offenheit auf. Manchmal schafft Derrida diese "Differenz" auch selbst, indem er ungewöhnliche Begriffspaare gegenüberstellt, aufbricht, und ganz neue Perspektiven ermöglicht (die "Differenz" ist also quasi auch rückwirkend einsetzbar - das ist der methodische Aspekt, den ich erwähnt habe).
Alles sehr ungewöhnlich im Vergleich zur herkömmlichen, begriffsorientierten Philosophie, die ja, selbst wenn sie von Freiheit spricht, meist doch nur Begriffsgrenzen schafft und einengt.
Derrida versucht da geradezu die Quadratur des Kreises - und sie scheint ihm sogar zu gelingen!
:-)