Ja, das fürchte ich fast auch. Vielleicht hat sogar Helmut Schmidt am Ende noch recht.
Ich sehe sehr wenig fern, doch die Bilder von islamischen Geistlichen im Libanon, die vergeblich versuchten, die verhetzten Massen zurückzuhalten, haben auch Aussagekraft.
Es ist nicht der Islam. Genau so wenig kann man Christus für Bush verantwortlich machen.
Das ist es, was wir säkularen, westlichen Intelektuellen uns so gerne sagen. Aber da bin ich mir nicht sicher. Ich bin mir nicht mehr sicher, dass es nicht der Islam, dass es nicht die Religion ist. Was wir erleben, ist eine "heisse", eine lebendige Religion, die sich auf das persönliche Gottesurteil und die Erfüllung im Jenseits richtet und deshalb im Diesseits kompromisslos sein kann, ja sogar muss. So war das Christentum auch einmal. Und jetzt erleben wir vielleicht, wie das ist. Jetzt sind wir die Heiden.
Ich möchte hier mal eine Leseempfehlung anbringen. Lange Artikel zu komplexen Themen zu lesen, kostet Aufmerksam und Konzentration, etwas ganz anderes, als was wir meist ins Internet investieren. Dennoch, es kann sich sehr lohnen. Auf der Internetseite des Cicero-Magazins steht ein langer Artikel des blitzgescheiten deuschten Philosophen und Germanisten Rüdiger Safranski, mit dem Titel "Gott ist doch nicht tot" und der Unterzeile "Die modernen Gesellschaften des Westens hatten Gott abgeschafft oder ihn schlichtweg vergessen. Plötzlich ist er wieder da. Der Kulturkonflikt mit dem Islam schafft eine neue Religionsdebatte: es begegnen sich kalte und heiße Kulturen."
Es kostet einen schon eine ausgedehnte Mittagspause, um sich dieses längere Essay - am besten ausgedruckt - durchzulesen. Aber diese Mühe wird mehr als belohnt. Ein sehr einsichtiger und kluger Text zum Thema, der mich weitergebracht (wenn auch nicht beruhigt) hat und der, wie ich finde, höchste Beachtung verdient.
Ich bin nicht westlich und schon gar nicht intellektuell und bitte deshalb um Nachsicht.
Ich habe mir den Rüdiger gerade reingezogen und ziehe meinen Hut davor, wie Herr Safranski den gegenwärtigen Zustand und seine Entstehung beschreibt, ein sehr schöner und meiner Ansicht auch sehr richtiger Text. Aber diese Erkenntnisse sind alle nicht neu, jedenfalls mir nicht und beinhalten keinen Lösungsvorschlag, genau so wenig wie die Philosophie des seligen Nietzsche oder irgend eines anderen Philosophen, John Rawls vielleicht ausgenommen.
Ich bin nicht der Meinung, daß die Philosophie UNSERE größten Probleme auch nur ansatzweise lösen kann, jedenfalls solange nicht, wie nicht wenige meiner Mitmenschen gezwungen werden, von Hartz IV zu leben oder innerhalb von drei Tagen ihre Wohnung zu räumen. Hier ist eine fakultätsübergreifende Zusammenarbeit der Geistes- mit den Naturwissenschaften erforderlich in Ko-Operation mit den Religionen und Gewerkschaften.
Ich denke nicht, daß ein Kulturkampf unvermeidbar ist, wenn WIR ihn nicht anzetteln sondern uns auf unser Notwehrrecht beschränken und zwar in alle Himmelsrichtungen.
(Nicht westlich? Neo-Bazi hab ich immer irgendwie für bayerisch gehalten... ;-) Woher kommst du denn?)
Ich denke, es ist ein Missverständnis, wenn man von Philosophen konkrete Lösungsvorschläge erwartet. Philosophie ist Fragen, Verstehen, Zweifeln, wieder Fragen. Irgendeiner hat mal gesagt "das niemals endende Selbstgespräch der Kultur" oder so ähnlich. Philosophie löst keine Probleme. Das ist nicht ihre Aufgabe, dazu ist sie, wie du auch sagt, nicht in der Lage. Unsere Probleme müssen wir selbst lösen. Wir, das ist das Volk (wie wir mittlerweile alle wissen...), das Volk lebt zusammen und nennt sich Staat, als Staat wählt sich das Volk ein paar Vertreter, die setzen unsere Ideen und Meinungen in Politik um. Wir haben nur einen vernünftigen Weg, Probleme zu lösen: Politik. Aber da, wie wir alle wissen, fängt das Problem erst richtig an... jeder glaubt, er kennt die jeweils besten Antworten für dieses oder jenes Problem, aber wer kennt sie?
Und ob ein Kulturkampf vermeidbar ist, liegt nicht nur an uns, sondern auch an der anderen Seite. Mir schwebt eine Karrikatur vor, auf der zur Zeit der Kreuzritter die Einwohner Palestinas auf einem staubigen Hügel stehen, während sich am Horizont die Armee der christlichen Kreuzritter mordend und plündernd auf sie zu wälzt, um den heiligen Boden von den Heiden zu befreien. Einer der Araber dreht sich mit ängstlichem Gesicht zu Saladin und fragt: "Ob wir einen Kulturkampf wohl vermeiden können?" - wohlgemerkt, das wäre eine überspitzte Karrikatur, aber du weist, was ich meine. Was ist, wenn wir diesmal die Heiden sind? Dann werden wir alle schnell große, große Freunde der USA und ihres Militärpotentials. Denken wir besser nicht darüber nach.
Prima Artikel. Besonders das Tennisballbeispiel aus "Blow Up" ist ja köstlich.
:-)
Philosophie wird da keine Lösung bieten, so sehe ich das auch. Der Westen kann nicht zurück in ein naiv-gläubiges Stadium.
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist ein Vernunftpakt nach dem Motto - "ihr lebt eure Kultur, wir leben unsere" - ohne dass irgendwelche Übergriffe erfolgen.
Es gilt ja nicht zu verhindern, dass irgendeine Gesellschaft an einen Gott glaubt. Es gilt zu verhindern, dass eine Gesellschaft gewaltsam auf die andere übergreift. Das schließt natürlich mit ein, dass der Westen von nun an Mord, Grausamkeit und Menschenrechtsverletzungen in islamistischen Gesellschaften einfach ignoriert.
Die Zeit wird dann zeigen, welchen Weg die beiden Lebensformen, jede für sich, nehmen und wohin dieser Weg führt.
@ Navigator
Ich bin ein frühreifer Allgäuer Maurergeselle mit lauter Einsen im Berufsschulzeugnis. Das Ällgau wurde seinerzeit von den Wittelsbachern annektiert, um die preußischen Einflüsse vom Mutterland fernzuhalten (Napoleon hat allerdings ein bißchen nachgeholfen).
Mit siebzehn habe ich die Heimat der Kässpatzen verlassen, bin insgesamt 36 Jahre zur See gefahren und in St.Pauli hängen geblieben. Neo-Bazi ist also nicht ganz abwegig.
Deine überzeichnete (?) Karrikatur gefällt mir sehr, eine Karrikatur ist immer überzeichnet, sonst ist es nur eine Zeichnung, aber selbst als solche sagt sie mehr als Worte.
Wir sind gar nicht so weit auseinander. Ich spreche ja ausdrücklich von Notwehr in alle Himmelsrichtungen. Wenn wir sicherstellen, daß der Nahe Osten nicht atomar aufrüstet und uns selbst nicht allzusehr in multikulturellen Träumereien verfangen, werden wir die amerikanische Militärmaschine nicht benötigen.
Der Status Quo im Nahen Osten stellt auch für die arabische Welt keine Gefahr dar. Israel wird seine nuklearen Waffen nur einsetzen, wenn man tatsächlich versucht, seine Bürger ins Meer zu treiben. Deshalb sind die neuen Töne aus Teheran nicht ungefährlich und spätestens seit nine eleven klingen sie auch für uns nicht mehr harmonisch, wenngleich arabisch oder persisch blumenreiche Sprachen sein sollen.
Dieser Vernunftpakt des "jeder für sich" ist natürlich zunächst rein theoretisch. Praktisch stehen dem leider noch das Israel-Problem und das leidige Interesse am Öl entgegen.
das beispiel aus blow-up ist gut eingebaut, aber leider nicht ganz stimmig wiedergegeben:
die akustische präsenz der aufschlagenden bälle kommt erst ganz zu ende des filmes, als die "pantomimen-tennisspieler" nicht mehr im bild sind, und sich das tennisspiel lediglich im geist des betrachters manifestiert hat - und keiner visualisierung mehr bedarf.
ich ergänze das deswegen, weil es für diese passage des großartigen filmes ein nicht unwesentliches detail darstellt. :-)
dass ich den film erst vorige woche zum letzten mal gesehen habe, aber dieses detail war mir schon beim zweiten mal ansehen als sehr markant aufgefallen, quasi der "point of climax" des ganzen filmes: als das ohr die rolle des bedeutungsträgers übernimmt, in einem film, der fast nur von visuellen dingen und optischer wahrnehmung handelt: das ist ein köstlicher moment.
ich liebe den film. er hat eine wunderbare struktur, und die musik ist auch gut (herbie hancock!).
Ich sehe sehr wenig fern, doch die Bilder von islamischen Geistlichen im Libanon, die vergeblich versuchten, die verhetzten Massen zurückzuhalten, haben auch Aussagekraft.
Es ist nicht der Islam. Genau so wenig kann man Christus für Bush verantwortlich machen.
Ich möchte hier mal eine Leseempfehlung anbringen. Lange Artikel zu komplexen Themen zu lesen, kostet Aufmerksam und Konzentration, etwas ganz anderes, als was wir meist ins Internet investieren. Dennoch, es kann sich sehr lohnen. Auf der Internetseite des Cicero-Magazins steht ein langer Artikel des blitzgescheiten deuschten Philosophen und Germanisten Rüdiger Safranski, mit dem Titel "Gott ist doch nicht tot" und der Unterzeile "Die modernen Gesellschaften des Westens hatten Gott abgeschafft oder ihn schlichtweg vergessen. Plötzlich ist er wieder da. Der Kulturkonflikt mit dem Islam schafft eine neue Religionsdebatte: es begegnen sich kalte und heiße Kulturen."
Es kostet einen schon eine ausgedehnte Mittagspause, um sich dieses längere Essay - am besten ausgedruckt - durchzulesen. Aber diese Mühe wird mehr als belohnt. Ein sehr einsichtiger und kluger Text zum Thema, der mich weitergebracht (wenn auch nicht beruhigt) hat und der, wie ich finde, höchste Beachtung verdient.
Ich habe mir den Rüdiger gerade reingezogen und ziehe meinen Hut davor, wie Herr Safranski den gegenwärtigen Zustand und seine Entstehung beschreibt, ein sehr schöner und meiner Ansicht auch sehr richtiger Text. Aber diese Erkenntnisse sind alle nicht neu, jedenfalls mir nicht und beinhalten keinen Lösungsvorschlag, genau so wenig wie die Philosophie des seligen Nietzsche oder irgend eines anderen Philosophen, John Rawls vielleicht ausgenommen.
Ich bin nicht der Meinung, daß die Philosophie UNSERE größten Probleme auch nur ansatzweise lösen kann, jedenfalls solange nicht, wie nicht wenige meiner Mitmenschen gezwungen werden, von Hartz IV zu leben oder innerhalb von drei Tagen ihre Wohnung zu räumen. Hier ist eine fakultätsübergreifende Zusammenarbeit der Geistes- mit den Naturwissenschaften erforderlich in Ko-Operation mit den Religionen und Gewerkschaften.
Ich denke nicht, daß ein Kulturkampf unvermeidbar ist, wenn WIR ihn nicht anzetteln sondern uns auf unser Notwehrrecht beschränken und zwar in alle Himmelsrichtungen.
Ich denke, es ist ein Missverständnis, wenn man von Philosophen konkrete Lösungsvorschläge erwartet. Philosophie ist Fragen, Verstehen, Zweifeln, wieder Fragen. Irgendeiner hat mal gesagt "das niemals endende Selbstgespräch der Kultur" oder so ähnlich. Philosophie löst keine Probleme. Das ist nicht ihre Aufgabe, dazu ist sie, wie du auch sagt, nicht in der Lage. Unsere Probleme müssen wir selbst lösen. Wir, das ist das Volk (wie wir mittlerweile alle wissen...), das Volk lebt zusammen und nennt sich Staat, als Staat wählt sich das Volk ein paar Vertreter, die setzen unsere Ideen und Meinungen in Politik um. Wir haben nur einen vernünftigen Weg, Probleme zu lösen: Politik. Aber da, wie wir alle wissen, fängt das Problem erst richtig an... jeder glaubt, er kennt die jeweils besten Antworten für dieses oder jenes Problem, aber wer kennt sie?
Und ob ein Kulturkampf vermeidbar ist, liegt nicht nur an uns, sondern auch an der anderen Seite. Mir schwebt eine Karrikatur vor, auf der zur Zeit der Kreuzritter die Einwohner Palestinas auf einem staubigen Hügel stehen, während sich am Horizont die Armee der christlichen Kreuzritter mordend und plündernd auf sie zu wälzt, um den heiligen Boden von den Heiden zu befreien. Einer der Araber dreht sich mit ängstlichem Gesicht zu Saladin und fragt: "Ob wir einen Kulturkampf wohl vermeiden können?" - wohlgemerkt, das wäre eine überspitzte Karrikatur, aber du weist, was ich meine. Was ist, wenn wir diesmal die Heiden sind? Dann werden wir alle schnell große, große Freunde der USA und ihres Militärpotentials. Denken wir besser nicht darüber nach.
:-)
Philosophie wird da keine Lösung bieten, so sehe ich das auch. Der Westen kann nicht zurück in ein naiv-gläubiges Stadium.
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist ein Vernunftpakt nach dem Motto - "ihr lebt eure Kultur, wir leben unsere" - ohne dass irgendwelche Übergriffe erfolgen.
Es gilt ja nicht zu verhindern, dass irgendeine Gesellschaft an einen Gott glaubt. Es gilt zu verhindern, dass eine Gesellschaft gewaltsam auf die andere übergreift. Das schließt natürlich mit ein, dass der Westen von nun an Mord, Grausamkeit und Menschenrechtsverletzungen in islamistischen Gesellschaften einfach ignoriert.
Die Zeit wird dann zeigen, welchen Weg die beiden Lebensformen, jede für sich, nehmen und wohin dieser Weg führt.
Ich bin ein frühreifer Allgäuer Maurergeselle mit lauter Einsen im Berufsschulzeugnis. Das Ällgau wurde seinerzeit von den Wittelsbachern annektiert, um die preußischen Einflüsse vom Mutterland fernzuhalten (Napoleon hat allerdings ein bißchen nachgeholfen).
Mit siebzehn habe ich die Heimat der Kässpatzen verlassen, bin insgesamt 36 Jahre zur See gefahren und in St.Pauli hängen geblieben. Neo-Bazi ist also nicht ganz abwegig.
Deine überzeichnete (?) Karrikatur gefällt mir sehr, eine Karrikatur ist immer überzeichnet, sonst ist es nur eine Zeichnung, aber selbst als solche sagt sie mehr als Worte.
Wir sind gar nicht so weit auseinander. Ich spreche ja ausdrücklich von Notwehr in alle Himmelsrichtungen. Wenn wir sicherstellen, daß der Nahe Osten nicht atomar aufrüstet und uns selbst nicht allzusehr in multikulturellen Träumereien verfangen, werden wir die amerikanische Militärmaschine nicht benötigen.
Der Status Quo im Nahen Osten stellt auch für die arabische Welt keine Gefahr dar. Israel wird seine nuklearen Waffen nur einsetzen, wenn man tatsächlich versucht, seine Bürger ins Meer zu treiben. Deshalb sind die neuen Töne aus Teheran nicht ungefährlich und spätestens seit nine eleven klingen sie auch für uns nicht mehr harmonisch, wenngleich arabisch oder persisch blumenreiche Sprachen sein sollen.
stimmt,
die akustische präsenz der aufschlagenden bälle kommt erst ganz zu ende des filmes, als die "pantomimen-tennisspieler" nicht mehr im bild sind, und sich das tennisspiel lediglich im geist des betrachters manifestiert hat - und keiner visualisierung mehr bedarf.
ich ergänze das deswegen, weil es für diese passage des großartigen filmes ein nicht unwesentliches detail darstellt. :-)
;-)
ich muss zugeben,
ich liebe den film. er hat eine wunderbare struktur, und die musik ist auch gut (herbie hancock!).
P.S.
;-)