Samstag, 22. Dezember 2007

"Vellum I"

vellum



Hal Duncan

"Vellum - Das ewige Stundenbuch"/ Shayol 2007.


("Vellum - The Book Of All Hours", 2005)


Der erste, allerdings noch sehr vorläufige Eindruck: eigentlich nicht anders als erwartet - zwischen Genie und Wahnsinn liegend, wobei sich jetzt, nach knapp fünfzig Seiten, natürlich noch nicht endgültig entscheiden lässt, welches Element am Ende die Oberhand behalten wird. "Wahnsinn" bedeutet in Hal Duncans Fall, dass er oft so schreibt, wie ich selbst vor zehn Jahren noch ganz gerne geschrieben habe: sehr pathetisch und, hin und wieder, - m.V. - irgendwie "ziellos umherschwallend" oder - höflicher ausgedrückt - sehr assoziativ. Fraglich ist aber auch, ob man wirklich jeden Satz mit einer oder gleich mehreren Metaphern belegen muss, wie Duncan das phasenweise tut, zumal Metaphern in dieser Menge ja auch irgendwann völlig beliebig klingen. Und das ist dann vielleicht auch schon der Begriff, der den Wahnsinn in Duncans "Stil" am treffendsten charakterisiert: Beliebigkeit. Das Geniale an der Sache liegt dagegen in der Progressivität des Textes, der mit enormem Selbstbewusstsein genau das demonstriert, was normalerweise eher zu vermeiden wäre.
Aber womöglich klingt das alles auch ein wenig zu negativ, denn eine gewisse Faszination strahlt "Vellum" natürlich schon aus, und selbstverständlich finden sich in dem ganzen Sprachwust auch viele gute Passagen, so ist es ja nicht. Außerdem lobenswert: die völlig unbefangene Vermengung verschiedenster phantastischer Elemente (in diesem Fall sicher eine positive Auswirkung des freien Assoziierens). Der gesamte Text ist zudem in recht angenehme, kleine und appetitliche Häppchen unterteilt - jeweils höchstens ein paar Seiten lang und mit einer eigenen Überschrift versehen. Das weist erstens natürlich auf die - fragmentarische - Methode hin, mit der gearbeitet worden ist, stellt darüber hinaus aber auch eine schlichte Notwendigkeit dar, denn am Stück oder auch nur in allzu langen Abschnitten und Kapiteln hätte das wohl niemand wirklich gelesen.

Und über allem steht - und auch das ist eigentlich positiv zu werten: jener stilistische und inhaltliche Hauch von Anarchie, der inzwischen ja geradezu kennzeichnend für die moderne Phantastik geworden ist.

Ein Wort noch zum Verlag: Shayol-Bücher kann man ganz offensichtlich beruhigt kaufen, sieht - bis jetzt - einigermaßen solide, stabil und gut aus, das Teil.


***

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Hal Duncan: Notes From The Geek Show

"Inzwischen..."

... sind doch (mal abgesehen von der "Zyanid-Connection") tatsächlich all die leckeren Bücher, mit denen ich mich dieses Jahr selbst beschenkt habe, angekommen!

:-D

Was bedeutet, dass ich mich über Weihnachten ganz entspannt (hoffe ich) Gene Wolfes Versuch, die Fantasy an der Wurzel zu packen ("Der Ritter", Klett-Cotta), Hal Duncans irrer Sammlung phantastischer Inhalte ("Vellum", Shayol) sowie Frank W. Haubolds melancholischen Emotionalien ("Die Schatten des Mars", EDFC) widmen darf.

Bezahlt sind die übrigens - bis auf den "Ritter", glaub ich - alle noch nicht (inzwischen schon).

>;-)

FROHES FEST!


***

V-Fieberticker: weg! Gott sei Dank - Fieber ist irgendwie höchst unangenehm.

"The Microcosmic Painter"

"Making Of":

Begonnen als relativ simple, klassisch-phantastische Erzählung zum elementaren Thema des "Wahnsinns", nahm der "Maler" mit der Zeit allmählich immer groteskere Züge an und führte mich schließlich zu der Absicht, eine klassische Horrorphantastik in Dickens-Atmosphäre (ähnlich der Atmosphäre in "Audio!", EDFC-Jahresanthologie 2006) mit Begriffen der neueren SF zu kombinieren (der Moment, an dem die Satelliten, Habitate und Waffenplattformen ins Spiel kamen). Ursprünglich erwuchs "Der mikrokosmische Maler" aus einem geistigen Bild, das - paradoxerweise - in der jetzt veröffentlichten Form gar nicht mehr enthalten ist: der Vorstellung des menschlichen Auges als einer Landschaft - einer von Blutflüssen durchzogenen Ebene, einem Berg, einem Turm, einem höchsten Zimmer; ein Reiter hetzt auf den Turm zu, dringt in ihn ein, betritt das Zimmer und sieht...

Ein waschechter Rahmen, der aber schlussendlich nicht mehr nötig bzw. angebracht schien.

Referenzen:

Eine wirklich entscheidende Inspiration ging von Nikolaij Gogol aus (insbesondere "Das Portrait" in: "Petersburger Geschichten", Fischer 2003). Ich empfehle wirklich mal - rein zum Spaß - sich Gogols wunderbare Erzählung im Zusammenhang mit der Lektüre des "Mikrokosmischen Malers" vorzunehmen - einige Parallelen, die sich allerdings ausschließlich auf die Atmosphäre im Atelier des Malers beziehen, dürften vielleicht sehr interessant sein. Natürlich zwang mich das zu einem unübersehbaren Wink mit dem Zaunpfahl, sodass sich nun eine der Figuren der Erzählung - wenn auch nicht die Hauptperson, denn so übermäßig war der Einfluss dann auch wieder nicht - "Gogol" nennt. Die Schlussreferenz verweist auf Philip K. Dick ("Die drei Stigmata des Palmer Eldritch") und in Sachen "Opium" fühle ich mich selbst immer wieder - nicht nur speziell hier, sondern ganz allgemein - an eine kleine Romanserie von Michael Moorcock ("Die Abenteuer des Capitain Oswald Bastable"; drei Romane 1971 bis 1983) erinnert.


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(Illustration: Thomas Hofmann)


Nicht verwendete Szenen und Referenzen:

Neben dem Rahmen sind noch zwei weitere, zum Teil sogar recht lange Passagen am Ende weggefallen: einmal während der opiumgeschwängerten Traumsequenz, in deren Verlauf ursprünglich noch die Muse unseres "Helden" erscheint, halb nackt, versteht sich, und ziemlich klassisch - erst eine blasse, antike Schönheit, später dann eine braunhäutige, ägyptische. Außerdem entfallen: eine lange Passage unmittelbar nach dem Besuch im "Verrückten Alchimisten", einer etwas anrüchigen Taverne im Vergnügungsviertel von Triton-City; eine Hommage an E.T.A. Hoffmann und seine Erzählung "Der Sandmann" (vielleicht kann man sich ja, wenn man weiß, dass der Maler in jener Nacht auf der Suche nach einem gefälligen Paar Augen ist, ungefähr ausmalen, wie diese Referenz aussah: Sie hatte natürlich künstliche Augen, und ihr Name war "Olimpia"). Weggelassen hab ich außerdem auch eine mögliche Referenz in Richtung Herman Melville ("Moby Dick"), die mich eine Zeitlang doch sehr gereitzt hat (da Borkat, der Maler, am Ende sowieso humpelt, hätte ich ihm leicht eine Art "AHAB-Touch" verleihen können - passte aber nicht wirklich). Zuletzt - aber das war von Anfang an eher zweitrangig - lebt in diesem Haus, in dem auch der Maler wohnt, noch ein Mitbewohner - ein alter, gescheiterter Künstler, völlig von der Welt zurückgezogen, der seine selbstvergessenen Tag und Nächte damit verbringt, die Molekularorgel zu spielen. Aber der tauchte auch nicht persönlich auf, sondern war mehr oder weniger nur über seine Musik präsent (und zwar während Borkat auf seinem Rückweg vom Garten ins Atelier durchs nächtliche, mondbeschienene Treppenhaus geistert).

Fazit:

Der "Maler" ist eine manchmal ans Groteske heranreichende Verknüpfung klassischer Phantastik in einer Atmosphäre von Dickens - mit Begrifflichkeiten der neueren Science-Fiction (ein bisschen Cyperpunk, ein bisschen Space-Opera). Internes Thema: Wahnsinn und Kunst. Hängt mit "Audio!" ("Die Jenseitsapotheke", EDFC-Jahresanthologie 2006) insofern zusammen, als es hier zum zweiten Mal jetzt um die Sinne bzw. die Täuschung derselben geht - damals das Gehör, jetzt das Visuelle. In Sachen "Geruch" wird es allerdings schwer, denn an Süßkinds ultimativer, phantastischer Abhandlung des Themas ("Das Parfüm", World Fantasy Award in den Neunzigern) ist nur schwer vorbeizukommen.

;-)

Hat Spaß gemacht! Und so wünsche ich: eben das beim Lesen!

>:-)


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Ach so!

Hier zu erwerben: "Das Mirakel", EDFC-Jahresanthologie 2007, hrsg. von Frank W. Haubold, illustriert vom Marco Franke und Thomas Hofmann.

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Short Cut

"Arcanum"

Ausschreibung zu einer Fantasy-Anthologie mit dem Thema "Treue und Verrat"?

Das hört sich doch ganz nett, interessant und spannend an.

Da hab ich glaub ich sogar noch was. "Der Gesang der Farben" heißt das "Frühwerk" im Augenblick und hat - natürlich wieder reichlich v-mäßig abstrakt - sehr wohl und sehr deutlich sogar etwas mit "Treue" und "Verrat" zu tun. Natürlich ist das Ganze noch zu überarbeiten, weil mit 17 Seiten vielleicht noch etwas zu lang und - ganz allgemein - wohl auch noch etwas zu unstrukturiert.

;-)

Arcanum-Fantasyverlag

Ausschreibung

***

Sollte ich also jemals gesundheitlich wieder auf die Beine kommen (woran ich allmählich ernsthaft zu zweifeln beginne), dann kriegen die wohl was von mir.

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V-Fieberticker: 37,75° - sollte das nicht irgendwann wieder ganz weggehen? Ich fürchte, ich bin einfach zu ungeduldig. Aber ich will endlich weitermachen, Zeit ist - zwar nicht Geld, aber trotzdem knapp und begrenzt!
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