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Freitag, 30. März 2007

"Lazarus"

lazarus



Armin Rößler & Heidrun Jänchen (Hrsg.)


"Lazarus"


2007



Siebter Band der SF-Reihe des Wurdack-Verlages, der spätestens mit diesem Streich die Qualitätsgrenze zu vergleichbaren Veröffentlichungen größerer Verlage passiert hat.

:-)

Fünf Novellen (um die vierzig Seiten jeweils), beinahe allesamt - stilistisch, was die Schreibe angeht - auf höchstem Niveau und sogar nahe an der Perfektion (kann man die eigentlich überhaupt jemals erreichen?).

Kritik kann also nur inhaltlicher Natur sein oder vielleicht noch den Aufbau betreffen.


Im Einzelnen:


Armin Rößler - "Lazarus"

Fängt großartig an, weil dem Thema der Novelle, durch ein paar wunderbar präzise gesetzte Formulierungen, ein sehr schöner mythologischer Anstrich mitgegeben wird. Leider wird diese Dimension im weiteren Verlauf aber nicht mehr fortgesetzt, und das Ganze endet dann eher wie eine "herkömmliche" Story.

Eine wichtiger Text für den Band, denn in typischer Rößler-Manier verleiht sie der Sammlung den entscheidenden, etwas dunkleren Kick, der ja immer dazugehört.

Hat Spaß gemacht, und dieses Bild des Nestes, in dem der Ebu seiner Transformation harrt, geht mir nur sehr schwer wieder aus dem Kopf.

;-)


Armin Rößler


Petra Vennekohl - "Tatoos"

In jeder Beziehung ziemlich klassisch, würde ich sagen. Solide und gut.

Mit wunderbar zum Leben erweckten Figuren (neben den Figuren von Heidrun Jänchen die besten des gesamten Bandes). Lediglich die Sache mit den Tätowierungen zündet am Ende vielleicht nicht ganz so gut, aber das stört nur unwesentlich.

Ein Genuss. Absolut überzeugend, real und glaubwürdig.


Petra Vennekohl


Bernhard Schneider - "Modulation"

Einer der Höhepunkte.

Richtig abenteuerlich. Eine rasante Abfolge sehr guter und auch überraschender Wendungen, die den Leser von Amerika aus, über die irakische Wüste, bis in den Untergrund Berlins und wieder zurück führt.

Tatsächlich sehr amerikanisch manchmal (was ja nicht unbedingt negativ sein muss, gell). Hat mich ein wenig an Indiana Jones erinnert.

Unwillkürlich fragt man sich: hat Bernhard Schneider schon einen Roman geschrieben? Wenn nicht, warum nicht?

:-)

Sollte er es irgendwann tun, einen Leser hat er sicher: mich.


Bernhard Schneider


Andrea Tillmanns - "Am Ende der Reise"

Puh.

Der Text, der mir die meisten Probleme bereitet hat.

Zu lang für meinen Geschmack.

Eine bekannt schwierige Perspektive: der Blick einer außerirdischen Zivilisation auf unseren Planeten, unsere Lebensform (noch dazu, teilweise, aus Sicht eines Kindes geschildert). Hat schöne Passagen, gelingt aber nicht immer und verfällt dann zwischendurch bedauerlicherweise in lange Abschnitte der Belanglosigkeit.

Sehr gut fand ich die herrlich befremdliche Atmosphäre zu Beginn (im Sternenwagen). Dann aber wird es mitunter etwas klischeehaft und berechenbar (der Planet, den die Außerirdischen finden, ist natürlich die Erde, die ersten Wesen, mit denen sie Kontakt aufnehmen, sind natürlich die Wale und am Ende kommen natürlich die Soldaten und sind natürlich böse...).

War alles nur mäßig überraschend, und zwischendurch war ich gar ernsthaft versucht, quer zu lesen.

Ganz zum Schluss hab ich mich dann auch noch gefragt, was eigentlich der Sinn der Angelegenheit gewesen sein könnte. Ich kann da, sorry, nichts drauß entnehmen, außer vielleicht, dass wir bösen, bösen Menschen furchtbar aggressiv sind und Tiere essen, anstatt sie einfach nur lieb zu haben.

Die ganze Novelle ist eine Frage des Geschmacks, finde ich. Manch einem weichherzig-gefühlsbetonten Zeitgenossen wird sie wahrscheinlich gut gefallen, ich persönlich aber hätte die "Kleinen Freunde", die da andauernd auftauchen, ab etwa der Hälfte des Textes am liebsten mit eigenen Händen massakriert und zu Hackfleisch verarbeitet.

Bin wohl einer dieser bösen, bösen Soldaten.

:-)

Das hübsch melancholische Ende kann dann allerdings auch wieder ein wenig versöhnlich stimmen.

Wie gesagt, eine schwierige Perspektive, weil sie von vorneherein mit offenen Karten spielt. Und so gesehen hat es dann, alles in allem, eigentlich noch ganz gut geklappt. Andrea Tillmanns hat sicher viel Arbeit und auch Herzblut in die Sache gesteckt, und das merkt man dann doch.

Trotzdem: zu lang, zu getragen und, für meinen Geschmack, einfach zu offensichtlich gefühlsbetont.


Andrea Tillmanns



Heidrun Jänchen - "Fünfundneunzig Prozent"


Ohne Zweifel gut. Wie meistens, wenn Heidrun Jänchen etwas veröffentlicht.

Herrlich komplex und verdichtet. Prall gefüllt mit erstklassigen Ideen, was vor allem die vielfältig simulierten, alternativen Geschichtsverläufe angeht.

Und auch dieses kleine Spiel mit den Variablen fand ich ganz enorm interessant. Ein schöner Einfall.

Jänchens Texte beinhalten, soweit sie mir bis jetzt bekannt sind, jedes Mal einen ganz genialen Denkanstoß und haben, auch wenn sie nicht immer ein klassisches Ende finden (was manchmal ein wenig irritieren kann), stets Hand und Fuß.

Sehr interessant, sehr intelligent und geschickt.


Heidrun Jänchen


Fazit:

Ein prächtiger, wahrlich phantastischer Erzählband.

Das Konzept, den Autoren mehr Raum für ihre Erzählkunst zu geben, ist, meiner Meinung nach, voll aufgegangen. Man kann nur hoffen, dass dies nicht die letzte Sammlung von Novellen war, die in der SF-Reihe des Wurdack-Verlages erscheint.

Alle Texte sind, auf die eine oder andere Art, hundertprozentig lesenswert, amüsant, spannend, interessant und, natürlich, jederzeit höchst unterhaltsam.

Der größte Verdienst jedoch besteht für mich eindeutig in der Tatsache, dass es hier in beinahe unvergleichlicher Weise gelungen ist, eine wunderbare, stilistische Vielfalt zu demonstrieren. Jede einzelne Novelle hat ihren ganz besonderen, eigenen Stil, und daraus kann man, nicht zuletzt als schreibender Phantast, eine Menge lernen.

Eine, was den original deutschsprachigen Phantastikmarkt angeht, bis dato absolut einmalige Veröffentlichung!

Sollte man sich, wenn man auch nur ansatzweise am Erzählen generell, an der Phantastik und, ins Besondere, an der SF interessiert ist, auf keinen Fall entgehen lassen, denn hier beweisen der Wurdack-Verlag, und speziell die Herausgeber dieser wegweisenden Veröffentlichung, Armin Rößler und Heidrun Jänchen, dass die deutschsprachige, phantastische Erzählkunst nicht nur ein äußerst lebendiges Dasein führt, sondern, darüber hinaus, inzwischen sogar zu ganz und gar ungeahnten Höhenflügen aufbricht.

;-)


95 % - man muss sich ja noch Spielraum nach oben lassen, nicht wahr?



Lazarus bestellen!

"Wahnsinn"

Schöne Artikel und Texte zum Begriff:


Kulturkritisiches Lexikon

Wiki

Georg Heym - "Der Irre"


Generell empfehlenswert:

Michel Foucault - "Wahnsinn und Gesellschaft"
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