"Traumschlange"

Vonda McIntyre
"Traumschlange"
(Dreamsnake, 1978)
Eine Odyssee durch post-apokalyptische Wüsten. Immer an der Seite von "Schlange", einer Heilerin auf der einjährigen Bewährungsreise ihrer Zunft. Von den Nomadenstämmen des Südens, über seltsame Begegnungen in der Wüste, nach Bergheim und weiter zum "Zentrum", der geheimnisvollen Stadt, deren Bewohner in Kontakt mit mysteriösen Fremdweltlern stehen sollen, bis hin zur zerstörten Kuppel, wo ein Wahnsinniger die Ausgestoßenen und Gezeichneten mit dem Gift der Traumschlangen zu Abhängigen macht.
Wirklich ein toller Roman.
Zu recht ausgezeichnet mit den höchsten Preisen der SF (Nebula/Hugo 1978), und heute noch genauso gut wie zur Zeit seines Erscheinens.
McIntyre wird, wegen einer Antholgie, die sie 1976 herausbrachte, aber natürlich auch wegen "Dreamsnake", immer wieder in Verbindung mit explizit feministischer SF gebracht, was ich aber jetzt nicht unbedingt als das wesentliche Merkmal des Romans ansehen würde. Natürlich findet sich da, in "Schlange", eine starke weibliche Hauptprotagonistin und auch die angedeuteten Themen des sexuellen Missbrauchs oder der Auflösung traditioneller Formen des Zusammenlebens der Geschlechter weisen in etwa in diese Richtung, aber ich denke, Ende der Siebziger hatte es da auch bereits andere, deutlich bahnbrechendere Autorinnen gegeben (James Tiptree jr), sodass "Dreamsnake" in dieser Beziehung allerhöchstens noch einmal ein Nachhall gewesen sein kann.
Vielleicht täuscht mich diesbezüglich aber auch meine Perspektive vom Standpunkt des Jahres 2006 aus. Das mag sein. Starke Frauen sind heute normal, und sexueller Missbrauch oder unorthodoxe Lebensgemeinschaften sind inzwischen nicht mehr explizit feministische, sondern allgemeingesellschaftliche Themen.
Das Ganze atmet überhaupt sehr stark die Atmosphäre der Endsiebziger, ist bestimmt von der post-apokalyptischen Trost- und Ziellosigkeit einer Welt, in der Glück und Sorglosigkeit immer nur wie kurzlebige Inseln in den unendlichen Weiten eines harten Überlebenskampfes erscheinen. "Dreamsnake" erinnert mich in manchen Phasen deutlich an Ballard, manchmal aber auch an die typischen Vertreter der Romane, in denen sich Protagonisten auf lange Reisen durch fremde, bizarre und unwirtliche Landschaften oder Welten begeben müssen, an Millers "Lobgesang auf Leibwotiz", Laniers "Hiero" oder vielleicht auch Lindsays "Reise zum Arcturus" (obwohl es sich da eher um eine metaphysische Reise handelt). Filmisch mag, von der Stimmung her, auch der Beginn der Affensaga ganz zutreffend sein.
Das ist meiner Meinung nach dann auch das Entscheidende an McIntyres Roman. Die herrlich eingefangene Trostlosigkeit einer post-apokalyptischen Welt, die zu einer menschenfeindlichen Wüste geworden ist und in der die, stets nur angedeuteten, Artefakte und Ruinen der technologischen Vergangenheit wie bedrohliche Denkmäler erscheinen.
Mit "Dreamsnake" und dem nun folgenden Roman "The Moon and The Sun" ("Am Hofe des Sonnenkönigs", 1997) sind nun übrigens die hiesigen McIntyre-Festspiele eröffnet.
;-)
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V - 22. Okt, 22:21





















