Christoph Marzi
"Lycidas"
2004
Tja, schade ...
Zwei Drittel sind wirklich großartig - spannend, unterhaltsam, amüsant ...
Aber der Roman zerbricht - leider - in zwei Teile.
Das letzte Drittel fällt, unnötigerweise, ab.
Da fängt Marzi nämlich plötzlich aus heiterem Himmel an, über Gebühr zu psychologisieren, und versucht, irgendwie zwanghaft, seinen Figuren, insbesondere seiner Hauptfigur Emily Laing, eine emotionale Tiefe zu verleihen, die sich während der ersten beiden Drittel des Romans eigentlich noch ganz unkompliziert von alleine ergeben hat. Immer und immer wieder, sogar an den unmöglichsten Stellen, inmitten eigentlich rasanter Ereignisfolgen, kommt er auf die ewig gleichen Emotionalisierungen zurück - nervig und, wie gesagt, unnötig wie ein Kropf.
Und so geht dann eben im letzten Drittel, logischerweise, ein großer Teil der wunderbaren Leichtigkeit, mit der er die Geschichte zuvor erzählt hat, den Bach runter. Schade, denn insgesamt gesehen kann der Roman durchaus überzeugen. Die Konstruktion ist gelungen, der Stil, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig, geht in Ordnung, die Figuren sind lebendig und reizvoll, die Atmosphäre ist wunderbar, die Welt überzeugend ... warum also die unnötige Schwere des letzten Drittels?
Man weiß es nicht.
Und ansonsten?
Geschmackssache, würde ich sagen.
Wahrscheinlich wird sich nicht jeder für dieses hemmungslose Gemisch aus so ziemlich allem, was die Phantastik zu bieten hat, begeistern können. Marzis "uralte Metropole" ist angefüllt mit Elfen, sprechenden Tieren, Spinnenwesen, monströsen Insekten, ägyptischen Göttern, christlich-jüdischen Engeln, zombieartigen Wesen, Werwölfen, Aphroditen, dem Golem aus Prag ...
Da gibt es absolut nichts, das einem in den Gängen, Tunneln und Höhlen der "Stadt unter der Stadt" nicht begegnen könnte, oder was dort unmöglich wäre. Eine ziemlich rasante Achterbahnfahrt durch die Phantastik und die verschiedensten Mythologien der Welt. Dabei sind die Ideen natürlich nicht alle neu, sondern werden mitunter munter aus zahlreichen anderen Werken der Phantastik oder auch der klassischen Literatur entlehnt. Dickens, Mieville, Neil Gaiman, Dante, Milton, die Bibel ... da existieren, ähnlich wie im Falle der phantastischen Wesen, kaum Grenzen irgendeiner Art.
Wie gesagt, nicht jeder wird diesen manchmal kruden Mythenmix mögen, ich persönlich finde ihn aber, besonders wenn er, wie in diesem Fall, so geschickt in eine Geschichte eingebunden wird, interessant und dem Stand gegenwärtiger Phantastik, die sich seit einiger Zeit ja darin gefällt, die eigenen Entwicklungsgeschichte zu reflektieren, durchaus angemessen.
Und über den Abgründen der "uralten Metropole" herrscht das, wunderbar eingefangene, London der Romane von Dickens: skurril, unheimlich und bizarr. Unnötig zu erwähnen, dass dort natürlich auch die bekannten Mythen Londons zum Einsatz kommen. Jack the Ripper lässt also ebenfalls grüßen.
Tja, eigentlich schön und gut, wäre da eben nur nicht dieses verhängnisvolle letzte Drittel des Romans.
Es wären 100 % gewesen.
So sind es "nur" 85 %.
Allerding sollte auch nicht verschwiegen werden, dass das sehr schöne Ende dann wieder ein wenig versöhnlich stimmt. Am Schluss ist es der gefallene Engel, Luzifer/Lycidas persönlich, der sich opfert und somit die Welt rettet. Und was immer dies auch bedeuten mag, es ist zumindest höchst interessant.
Marzi ist übrigens ein eingebürgerter Saarländer und lebt mit seiner Familie in Saarbrücken.
Kann ich, als überzeugter Patriot, ja schließlich nicht unerwähnt lassen, gell!
:-)
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