Wil McCarthy
"Sol"
(The Collapsium, 2000)
Eine zwiespältige Angelegenheit.
Der Roman hat ohne Zweifel seine spannenden Seiten: die ungewöhnliche Kombination von ironisch-humorigem Erzählton und physikalischer Hard-Fiction; den Aufbau aus drei geschickt miteinander verknüpften Erzählsträngen; die eine oder andere interessante Idee oder schöne Szene.
Dem gegenüber stehen aber auch einige
äußerst zweifelhafte Aspekte. Vor allem das ziemlich fragwürdige Menschenbild - ich würde es mal als elitär-reaktionär bezeichenen - ging mir erheblich auf den Wecker (als Satire kann ich das beim besten Willen nicht werten - sollte es jedoch so gedacht gewesen sein, dann ist es, meiner Meinung nach, gründlich in die Hose gegangen).
Nur die Elite ist der Betrachtung wert, durchschnittliche Menschen können mit sich und ihrer Freiheit nichts anfangen, weshalb die natürlichste und gesündeste Staatsform (die Staatsform, die am besten zum Menschen passt) die MONARCHIE ist. Entlässt man den Menschen nämlich aus dem strengen Korsett der Untertänigkeit und schenkt ihm Freiheit und Eigenverantwortung, so scheitert er daran und mutiert zum Tier!
Folgerichtig handelt der Roman dann auch ausschließlich von privilegierten Personen, in irgendeiner Art immer einer Elite zugehörig. Der Rest besteht aus Maschinen, die den privilegierten Personen dienen, Roboter - willenlose Befehlsempfänger.
Geschmackssache, würde ich sagen.
Ein zweiter negativer Aspekt gründet sich in der, bereits erwähnten, eigentlich interessanten Kombination aus ironisch-satirischem Erzählton und physikalischer Hard-Fiction. Beide Elemente haben leider den unwillkürlichen Nachteil, dass durch sie eine ziemlich kühle Distanz geschaffen wird. Distanz zwischen dem Leser, der sich eigentlich in die Geschichte hineinversetzen will, und der Welt des Romans.
Ein wirkliches Eindringen in die Geschichte, ein Mitfühlen mit den Figuren oder echtes Erleben der beschriebenen Welt, ist nur sehr begrenzt möglich.
Das Ganze erinnert mich übrigens auch sehr stark an Reginald Bretnors "Schimmelhorn-Geschichten", wegen des satirischen Tons und, vor allem, der Hauptperson, Bruno de Tawaji, einem versponnenen, sozial unterbelichteten Superwissenschaftler - Papa Schimmelhorn nicht unähnlich.
Tja, ich weiß wirklich nicht, ob ich den zweiten Teil, der im Januar 2007 erscheint, überhaupt noch lesen soll.
Mal sehen, vielleicht versuche ich es. Sollte McCarthy jedoch weiter auf diesem schwachsinnigen Menschenbild herumreiten, werfe ich das Teil sofort in die Ecke.
Eine einheitliche, übergreifende Bewertung ist schwierig.
70 %? 75%?
Mehr sicher nicht.
Für denjenigen interessant, der sich für ironische, manchmal absurde Weltraumgeschichten mit sehr starkem Hard-Fiction Anteil zu begeistern vermag (eine gewisses Interesse an Physik ist unabdingbar!).
Wer aber eher in phantastische Welten eintauchen will: Finger weg!
Das Buch (und die ganze Reihe) scheint übrigens ein großer Erfolg in den USA zu sein. Ich frage mich, warum.