Samstag, 5. August 2006

"Der Systemschmetterling"

Schmitt erwachte.
Ein weiterer Tag, der genauso sein würde wie alle anderen, stand ihm bevor, ein streng durchgeplanter Ablauf, der einzig und allein der Erfüllung seiner produktionstechnischen Aufgaben gewidmet sein würde, dem Dienst für das Gemeinwesen, den Staat, die Gesellschaft.
Manchmal bereute er die Errungenschaften dieser hoch modernisierten, fortgeschrittenen Zivilisation, in der er lebte. Ja, natürlich, es gab so gut wie keine Krankheiten mehr, die moderne Medizin konnte inzwischen alle Gebrechen heilen, Gen- und Clonemedizin waren auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Entwicklung angelangt, so dass niemand mehr, wie früher, eines qualvollen Todes sterben musste. Auch alle sonstigen Unwägbarkeiten des Lebens, das so genannte „Chaotische“, das Unberechenbare, waren weitestgehend ausgeschaltet worden. Kein Mensch verlor mehr seine Arbeit, niemand wurde mehr in familiäre Tragödien verwickelt oder litt unter zermürbenden Eheproblemen, die dazu geeignet waren, ihn aus der Bahn zu werfen und so seine Aufmerksamkeit von den Pflichten, die er im Dienste des Gemeinwesens zu erfüllen hatte, abzulenken. Das alles gehörte einer dunklen Vergangenheit an, die man überwunden hatte. Heute war alles geregelt, gesichert, mit entsprechenden Verhaltenvorschriften belegt, die Weichen für das goldene Zeitalter der Menschheit, den hehren Traum so vieler Generationen hoffnungsfroher Romantiker und Idealisten, waren gestellt worden.

Und dennoch …

Das Leben hatte irgendetwas verloren, war in Schmitts Augen zu einer deprimierend eintönigen Angelegenheit verkommen - ohne jede Abwechslung, ohne jeden Esprit.

Er stand auf. Ihm blieben, wie jeden Morgen, exakt fünfundzwanzig Minuten, um sich eine Tasse Kaffee zu machen, etwas zu essen, sich zu waschen, zu rasieren, in die Kleider zu schlüpfen und sich auf den Weg zu machen.


(...)

"Boing!"

Jajajaja ... jetzt soll es auch noch ein Bußgeld geben für Raucher unter 18 Jahren und Erwachsene, die es ihnen ermöglichen.

Die spinnen, die Römer!

Haben die den wirklich nichts anderes zu tun, als arglose Leute zu verfolgen, die ihre Zigarette rauchen?

Wie wär es mal mit einem Alkoholverbot?

Also die meisten Kaputten, die einem so begegnen, sind doch eigentlich Trinker. Aber trinken lähmt ja bekanntlich das Denken, also ist es wohl in Ordnung.

Was, in Gottes Namen, soll das Ganze eigentlich???

Wie soll der rundum überwachte Idealbürger des Systems eigentlich aussehen in Zukunft?

Nichtraucher, Nichtdenker, keine eigene Meinung, sportlich aktiv in den jeweils aktuellen Trendsportarten, gesund, ohne äußerlich erkennbare Mängel oder Unzulänglichkeiten, in Markenkleidung gehüllt, stets mit den neusten technischen Geräten ausgestattet, die Einkaufstaschen voller frisch erworbender Waren, stets begierig auf das nächste Angebot der Unterhaltungsindustrie, den nächsten Blockbuster, die nächste geclonte Popgruppe... und dabei mit einem Auge immerzu auf der Suche nach gefährlichen Subjekten, welche die heile Konsumwelt stören könnten.

Der Rest sitzt dann, größtenteils denunziert von aufmerksamen Idealbürgern, im Gefängnis oder wird in Gettos gesperrt.

Eine Gesellschaft selbstverliebter, neurotisch-paranoider Vollidioten, die dann aber alle sehr gesund sind, weil sie ja nicht rauchen.


BOING! KLINGELINGELING!

;-)
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